Was die Wildkatze zum Stubentiger machte

11. November 2014, 08:00
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Die Domestikation hat im Erbgut der Hauskatzen einige Anpassungen hinterlassen

St. Louis / Wien - Macht das Zusammenleben mit Katzen eigentlich dumm? In den vergangenen Monaten beschäftigten sich gleich drei Untersuchungen mit diesem epidemiologisch nicht völlig absurden Thema. Schließlich leben rund 600 Millionen Hauskatzen auf unserem Planeten.

Alle drei Studien, in denen es unter anderem um Persönlichkeitsveränderungen durch Toxoplasmose ging oder um die Frage, ob Katzenbisse depressiv machen, konnten derartige Zusammenhänge nicht ausschließen. Jedenfalls wurden alle drei Forscherteams vor wenigen Wochen mit dem Ig-Nobel-Preis für mehr oder weniger kuriose Forschung ausgezeichnet.

Wie aber ist es umgekehrt? Wie hat sich das fast 10.000-jährige Zusammenleben von Mensch und Katze auf die Stubentiger ausgewirkt? US-Wissenschafter um Wesley Warren von der Washington University School of Medicine in St. Louis (US-Bundesstaat Missouri) sind dieser Frage mittels Genomvergleich nachgegangen, um in den Genen der Tiere Spuren der Domestikation zu finden.

Grundsätzlich gelten Hauskatzen (Felis silvestris catus) anders als Hunde nur als semidomestiziert, da sie erstens nicht völlig isoliert von Wildkatzen leben. Zweitens haben sie bei ihrer Futterversorgung und der Aufzucht der Nachkommen eine erhebliche Eigenständigkeit vom Menschen bewahrt, weil bei den Züchtungen seit 150 Jahren drittens eher das Aussehen als das Verhalten im Zentrum stand.

Selektion und Mutation

Aus diesem Grund nahmen Warren und sein Team an, dass die Domestizierung nur leichte Spuren im Katzenerbgut hinterlassen hat. Ausgangspunkt der Untersuchung, die im Fachblatt "Proceedings of the National Academy of Sciences" (PNAS) erschien, war das vollständig sequenzierte Erbgut einer weiblichen Abessinierkatze namens Cinnamon. Diese genetischen Informationen verglichen sie in der Folge mit jenen von sechs anderen Hauskatzenrassen, zwei Wildkatzenarten und vier anderen Säugetieren: Mensch, Hund, Tiger und Kuh.

Bei diesen Vergleichen entdeckten die Forscher insgesamt fünf Regionen des Genoms, die offensichtlich durch die Domestizierung der Wildkatzen verändert wurden, indem es zur positiven Selektion bestimmter Fähigkeiten kam. Diese betreffen die Gedächtnisbildung, die Konditionierung durch Angst und - nicht weiter überraschend - das Lernen durch Belohnung.

Außerdem stießen die Wissenschafter auf Mutationen, die für die außergewöhnlichen Seh- und Hörfähigkeiten der Stubentiger verantwortlich sind. Und schließlich fielen ihnen auch DNA-Veränderungen auf, die Besonderheiten des Fettstoffwechsels erklären können. Dieser wiederum dürfte eine Anpassung an die hyperkarnivore Diät der Katzen sein, also ihre extrem fleischintensive Ernährung. (tasch, DER STANDARD, 11.11.2014)

  • Die Domestikation hat dazu geführt, dass Hauskatzen besser durch  Belohnung lernen als ihre wilden Verwandten. Wenn sie nur wollen.
    foto: apa

    Die Domestikation hat dazu geführt, dass Hauskatzen besser durch Belohnung lernen als ihre wilden Verwandten. Wenn sie nur wollen.

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