Belgrad und Tirana wagen einen halben Neubeginn

10. November 2014, 17:18
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Nicht ohne Eklat lief am Montag der historische Besuch des albanischen Premiers Edi Rama in Belgrad ab. Zankapfel war einmal mehr der Kosovo

Fast 68 Jahre sind vergangen, seit der kommunistische Staatsführer Albaniens, Enver Hoxha, den jugoslawischen Präsidenten auf Lebzeiten, Josip Broz Tito, in Belgrad besuchte. Als Tito 1948 mit Stalin gebrochen hatte, trennten sich die Wege der zwei Länder. Staatsbesuche auf höchster Ebene blieben aus - bis Montag, als sich Regierungschef Edi Rama mit seinem serbischen Amtskollegen Aleksandar Vucic traf.

Das Wichtigste bei dem historischen Staatsbesuch war, dass er überhaupt stattgefunden hat. Denn die Visite von Edi Rama musste nach den Ausschreitungen bei dem Fußballländerspiel Mitte Oktober um einen Monat verschoben werden. Es folgten nationalistische Ausbrüche auf beiden Seiten, Tirana bezichtigte Belgrad des "Chauvinismus", Serbien die albanische Regierung "großalbanischer" Vorhaben auf dem Balkan. Wegen der Unabhängigkeit des mehrheitlich von Albanern bewohnten Kosovo sind die Beziehungen zwischen Serbien und Albanien belastet.

Pragmatismus und Provokation

Dass es trotz der - von der EU erwarteten - optimistischen Sprüche über einen "Neubeginn" schwierig sein wird, alle Probleme angesichts der "gemeinsamen europäischen Zukunft" zu überwinden, zeigte auch die im serbischen Staats-TV live übertragene Pressekonferenz nach den Gesprächen zwischen Vucic und Rama.

Vucic äußerte darin die Hoffnung auf "pragmatische" Beziehungen der beiden Staaten. Die lange Ansprache von Rama wurde für die serbischen Zuschauer nicht übersetzt. Und als Vucic empört das Wort ergriff und scharf sagte, dass er keine "Provokation" von Rama erwartet hätte und nicht zulassen würde, dass Serbien "in Belgrad erniedrigt wird", wusste man zunächst nicht, was Albaniens Premier gesagt hatte.

Mysteriöse Provokation

Etwas später erfuhr man, dass Rama die Unabhängigkeit des Kosovo als "Realität" bezeichnet hatte. Vucic erwiderte, dass er nicht wisse, was der Regierungschef Albaniens mit dem Kosovo zu tun habe, der Teil Serbiens sei. "So viel zum Neubeginn", spotteten anwesende Journalisten.

Rama sollte am Dienstag das Presevo-Tal in Südserbien besuchen, wo mehrheitlich Albaner im permanenten Widerstand zur serbischen Zentralregierung leben.

"Viel gemeinsam"

Viele Albaner begrüßen den Besuch ihres Premierministers in Belgrad. "Wir sind bisher zu sehr voneinander getrennt", meint etwa der Pensionist Bardhyl Baci, der bei wunderschönem Spätsommerwetter im Großen Park in Tirana spazieren geht. "Wir Serben und wir Albaner sind uns aber eigentlich sehr nahe, nur Extremisten in beiden Ländern bestehen auf die Unterschiede", so der 66-Jährige, der auch eine bessere wirtschaftliche Kooperation erhofft.

Auch die 23-jährige Samira T. findet es gut, dass Rama nach Belgrad gefahren ist: "Wir hatten ja bisher gar keine Beziehungen zu Serbien und wir hoffen, dass wir in Zukunft welche haben werden", sagt die Buchhalterin. "Wir sind nur ein wenig sauer, weil in Serbien fälschlicherweise behauptet wurde, dass der Bruder unseres Premierministier die Drohne mit der Flagge gesteuert habe. Das war schrecklich. Aber wir hassen keine Serben. Wir alle sind Menschen und wir sollten einander lieben." Wie die meisten Leute in Albanien kann sie mit der Idee von "Großalbanien" nichts anfangen. "Der Kosovo ist ein anderer Staat", sagt sie. Samira T. glaubt aber, dass viele Leute in Serbien keinen Unterschied zwischen Albanern aus dem Kosovo und aus Albanien machen würden. "Die haben den Kosovo und Macht verloren und deshalb reden sie von Großalbanien, sie sind frustriert."

Großalbanien oder Europa

Der Politiker Albert Faruku hat seine Meinung verändert seit er am 14. Oktober im Stadion in Belgrad bei dem Spiel dabei war. Er denkt jetzt, dass es vielleicht doch besser wäre, wen man aus "Gründen des Gleichgewichts" einen Staat für alle Albaner machen würde. "Ich habe das überhaupt nicht erwartet, aber die serbischen Fans haben im Stadion gebrüllt: Tötet die Albaner. Die sind dort politisch völlig indoktriniert und glauben, dass wir Albaner Feinde sind", erzählt er von seinen Eindrücken in Belgrad.

Faruku, der ebenfalls am See im Park entlang geht, hofft, dass sich durch den Besuch von Rama das Klima verbessert. Auf den Einwand, dass Serbien vor einem Großalbanien Angst habe, meint der Mann von der Demokratischen Partei. "Ja ok, dann machen wir besser gemeinsam ein Vereinigtes Europa." (Andrej Ivanji aus Belgrad und Adelheid Wölfl aus Tirana, DER STANDARD, 11.11.2014)

  • Die Pressekonferenz der Premiers von Albanien und Serbien, Edi Rama (li.) und Aleksandar Vucic, lief nicht ganz nach Plan.
    foto: epa / koca sulejmanovic

    Die Pressekonferenz der Premiers von Albanien und Serbien, Edi Rama (li.) und Aleksandar Vucic, lief nicht ganz nach Plan.

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