Niederlassungsbewilligung laut Gericht ohne Deutschkurs möglich

11. November 2014, 08:00
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Landesverwaltungsgericht gibt der Witwe nach psychiatrischem Gutachten Recht: 78-Jährige Bosnierin darf bei ihrem Sohn bleiben

Graz - Er habe mit seinen Eltern immer ein gutes Verhältnis gehabt, sie waren oft bei ihm, erzählt Mirzad C. am Montagvormittag vor dem Landesverwaltungsgericht in Graz Richter Erich Kundegraber. Darum war es für ihn auch natürlich, seine 78-jährige Mutter Fatima nach dem Tod des Vaters im April aus Deutschland zu sich nach Graz zu holen.

Dort lebt sie seither gemeinsam mit dem Sohn, der Schwiegertochter und der 19-jährigen Enkelin in einer Sechzig-Quadratmeter-Wohnung. Herr C. und seine Frau arbeiten beide, verdienen ausreichend und können die Mutter versorgen.

Klingt einfach, ist es aber nicht. Denn Herr C. ist zwar Österreicher - er kam vor 24 Jahren aus Bosnien -, doch seine Mutter, Fatima C., ist, obwohl sie 35 Jahre in Deutschland lebte, Bosnierin und spricht kein Wort Deutsch. Letzteres nahm das Land Steiermark zum Anlass, um der Witwe eine Niederlassungsbewilligung zu verwehren. Die Frau, die Analphabetin ist, sollte erst einen Deutschkurs absolvieren - mit 78 Jahren.

"Fall von Altersdiskriminierung"

"Für mich war dieser Fall ein Beispiel für Altersdiskriminierung und Diskriminierung nach der sozialen Herkunft", sagt Daniela Grabovac, Leiterin der Antidiskriminierungsstelle Steiermark, dem Standard. Die Stelle half Fatima C. daher, eine Beschwerde beim Landesverwaltungsgericht Steiermark einzubringen.

Der Richter befragte auch Fatima C. mithilfe einer Dolmetscherin. "Haben sie gar kein Deutsch gelernt in all den Jahren?", will er wissen. Frau C. antwortet, sie habe gekocht und geputzt. Ihr Mann habe gearbeitet. Sie hörte bosnische Sender und hatte nur mit den Hausbewohnern Kontakt - fast alle Bosnier.

Was für viele Menschen unverständlich klingt, konnte Psychiater Gerald Ressi, den das Gericht für den Fall als Gutachter bestellt hatte, in der Verhandlung erklären: Frau C. litt schon vor dem Tod ihres Mannes unter einer massiven Angststörung, weswegen sie nicht allein hinausging. Ihr Mann versuchte, das in einer "symbiotischen" Beziehung "zu kompensieren" . Nach seinem Tod kam bei der Frau eine schwere Depression zur Trauer hinzu.

Voraussetzungen, unter denen kein Sprachkurs zum Erfolg führen würde. Schon gar nicht jene Kurse, die in der Regel für Jüngere angeboten werden, so Gutachter Ressi. Auch bei Menschen ohne psychische Beeinträchtigung spielten nämlich das Alter und die Frage, "ob jemand in seinem Leben überhaupt jemals gelernt hat, eine große Rolle" für den Lernerfolg.

Richter Kundegraber gab der Beschwerde von Frau C. Recht. Sie darf bleiben.

(Colette M. Schmidt, DER STANDARD, 11.11.2014)

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