Xiaomi Mi-4 im Test: Wenn Apple ein Android-Phone bauen würde

16. November 2014, 13:55
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China-Flaggschiff glänzt mit guter Hardware und Verarbeitung und nimmt ästhetisch deutliche Anleihen bei der iPhone-Reihe

Das ferne China verfügt über einige durchaus kompetente Hersteller mobiler Elektronikgeräte. Aus dem Smartphone-Bereich kennt man Unternehmen wie Lenovo, Huawei oder ZTE auch in vielen westlichen Märkten. Immer öfter dringt aber auch ein anderer Name in die Titelzeilen vor: Xiaomi.

Das von Lei Jun geführte Unternehmen, das sich selbst als eine Mischung aus Amazon und Google sieht, von vielen aber als "das Apple Chinas" bezeichnet wird, legt seit seinem Start 2010 ein rasantes Wachstum hin. Jüngsten Zahlen zufolge ist die Firma der mittlerweile viertgrößte Smartphone-Hersteller der Welt – und dass, obwohl man bislang praktisch nur asiatische Märkte beliefert.

Ein Grundstein des Erfolgs: Das eigene Vorzeige-Smartphone, das für vergleichsweise wenig Geld in puncto Ausstattung Top-Geräten von Samsung, HTC und Co. die Stirn bieten kann. Mit dem Xiaomi Mi-4 erschien diesen Herbst die mittlerweile vierte Generation – der Webstandard hat das Highend-Gerät genauer unter die Lupe genommen.

foto: derstandard.at/pichler
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Befreit man das Mi-4 aus seiner recht schlicht gehaltenen Verpackung, lässt sich ein Eindruck nicht von der Hand weisen: Als Inspirationsquelle für das aktuelle Modell hat in guten Teilen wohl ein namhafter Hersteller aus dem kalifornischen Cupertino hergehalten. Das grundsätzliche Äußere des Mi-4 erinnert an ein größer geratenes iPhone 5S. Das betrifft vor allem die Vorderseite und den Aluminiumrahmen.

Vorwürfe, man würde Apple-Produkte klonen, hat Xiaomi mittlerweile mehrfach zurückgewiesen. Erst vor wenigen Wochen hatte Hugo Barra, Xiaomis Vizepräsident und ehemaliger Leiter der Android-Abteilung bei Google, entgegengehalten, dass Apple tolle Smartphones produziere, aber auch selber von anderen Herstellern abkupfere.

Die Rückseite des Mi-4 ist aus Polycarbonat und lässt sich abnehmen. Neben dem Standardfarbsortiment Schwarz und Weiß bietet Xiaomi auch separat Abdeckungen in anderen Farben an. Weswegen für Fotos des Testgeräts ein Cover in festlichem Hellgrün herangezogen wurde.

Während das iPhone-eske Erscheinungsbild Geschmackssache ist, darf sich das Mi-4 positiverweise in puncto Verarbeitung ebenfalls an Apple messen lassen. Diese ist nämlich vorbildlich. Minimale Spaltmaße treffen auf Materialien, die haptisch einen hochwertigen Eindruck machen. Lautstärkewippe und Ein/Aus-Schalter sind gut erreich- wie erfühlbar und "wabbeln" nicht. Negativ fällt nur auf, dass die Rückseiten ein wahrer Magnet für Fingerabdrücke sind und sich insbesondere beim plastisch ausgearbeiteten "Mi"-Logo gerne etwas Dreck sammelt.

foto: derstandard.at/pichler
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Doch Bühne frei für das Innenleben. 139,2 x 68,5 x 8,9 Millimeter misst das Mi-4 bei 149 Gramm Gewicht. Es bringt ein Fünf-Zoll-Display mit 1.920 x 1.080 Pixel (441 PPI) mit. Und der Bildschirm weiß zu gefallen. Satte Farben, gute Kontrast und ordentliche Helligkeit geben keine Anlass zu Kritik, wenngleich die Darstellungsqualität des HTC One M8 und des iPhone 6 nicht ganz erreicht wird. Dafür regiert der Helligkeitssensor ausgesprochen flott auf Änderungen im Umgebungslicht.

Unter der Haube tummelt sich Qualcomms Snapdragon-801-Chip, dem satte drei GB Arbeitsspeicher an die Seite gestellt werden. Die Quadcore-CPU taktet mit 2,5 GHz. Der interne Speicher beträgt je nach Modell 16 oder 64 GB, eine Erweiterungsmöglichkeit per Speicherkarte gibt es nicht. Auf der Rückseite des Mi-4 prangt eine Kamera mit 13 MP Auflösung, beachtliche acht Megapixel bietet das Aufnahmemodul auf der Gerätefront.

Konnektivitätsseitig bietet das Gerät Standardausstattung wie Bluetooth 4.0 und GPS/GLONASS-Navigation. Auf NFC-Support hat man verzichtet, Xiaomi begründet dies damit, dass dieses Feature, das im Vorgänger noch vorhanden war, von den Käufern zu selten genutzt wurde.

Das Handy geht per WLAN (802.11ac Dualband), 3G und LTE mit einer microSIM ins Netz. Da man bei Letzterem jedoch auf den in China verwendeten TDD-LTE-Standard setzt, der abseits der Volksrepublik nur von einer recht kleinen Minderheit an Providern genutzt wird, kann in Österreich und Deutschland kein 4G genutzt werden. Eine Variante des Mi-4, die über ein FDD-LTE-Modem verfügt, soll mehreren Berichten zufolge aber bereits chinesische Zertifizierungsstellen durchlaufen haben und könnte noch vor Weihnachten erhältlich werden. Hinsichtlich mobiler Empfangsstärke schlägt sich das Mi-4 passabel, der WLAN-Empfang ist aber bestenfalls als durchschnittlich einzustufen.

Ebenfalls an Bord hat das Mi-4 einen Infrarotport nebst passender App zur Fernsteuerung diverser Geräte verschiedenster bekannter und weniger bekannter Hersteller, allerdings in chinesicher Menüführung.

foto: derstandard.at/pichler

Ruft man den Antutu-Allroundbenchmark auf, um eine synthetische Bewertung der allgemeinen Leistungsfähigkeit errechnen zu lassne, bietet das Mi-4 an, in einem Hochleistungsmodus zu laufen. Dieser ist für die Ausführung besonders aufwändiger Apps bzw. Games gedacht, beschert dem Mi-4 über 10.000 Punkte im Vergleich zum normalen Ergebnis von etwa 33.000 Zähler, saugt aber dafür merkbar am Akku. Dafür positioniert sich das Gerät in diesem Modus in der Rangliste vor verschiedenen Konkurrenten, wie beispielsweise dem HTC M8.

Souverän stemmt das Smartphone auch den 3D-Benchmark mit Epic Citadel. Mit 59,5 Bildern pro Sekunde im Schnitt liegt die Darstellung dabei stets am Anschlag der oberen Grenze. Erstaunlich ist der mit 3.900 Punkten außergewöhnlich hohe Score beim Browsertest mit Vellamo (auf Basis von Chrome). Hier wird unter anderem das OnePlus One, das über sehr ähnliche Hardware verfügt, um über 1.000 Punkte abgehängt. Es ist nicht auszuschließen, dass bei diesem Test wieder der fürs Browsen an sich nicht notwenige Hochleistungsmodus zugeschalten wurde, was doch als Trickserei einzustufen wäre.

Benchmarkergebnisse sind aber ohnehin nur als Richtwert einzustufen. Relevant ist die tatsächliche Performance in der Praxis. Da entspricht das Gerät den ausgeworfenen Zahlen. Von Mikroruckeln ist nichts zu bemerken, Apps starten flott und nur bei sehr hoher Beanspruchung stockt das Mi-4 hie und da minimal. Unter Last erwärmt sich das Handy auch spürbar, allerdings nicht auf unangenehm warmes Temperaturniveau.

foto: derstandard.at/pichler
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Den Bogen zurück zur inspiratorischen Fragen spannt das Betriebssystem. Nominell kommt Android 4.4 zum Einsatz. Praktisch handelt es sich um Xiaomis eigene Umsetzung MIUI, das mittlerweile in Version 6 erschienen ist. Offiziell gibt es keine deutsche Übersetzung (sehr wohl aber ein englische), allerdings arbeiten fleißige Tüftler, wie jene von MIUI Germany oder Decuro schon länger daran, aktuelle Versionen einzudeutschen. Manche Verkäufer, darunter auch Trading Shenzhen, von dem das Testmuster des WebStandard stammt, installieren diese bereits vorab.

Auch der Play Store und andere Google-Dienste waren bereits vorinstalliert, was ansonsten der Nutzer selbst über den "Google Installer" im MIUI Store erledigen müsste. Mit Google Play, Gmail, Play Music, dem Kalender und anderen Diensten traten während dem Test keinerlei Probleme auf, auch die Synchronisation von Kontakten klappte reibungslos. Mit dabei ist natürlich auch Xiaomis eigenes Set an Diensten.

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Die Oberfläche von MIUI ist bunt und in sehr flacher Optik gehalten. Es gibt fünf Reihen mit je vier Plätzen für App-Icons sowie eine persistente Reihe ganz unten. Das, sowie diverse andere Menüs, bis hin zur Notification Bar, erinnern in vielen Teilen doch merkbar an jenes ästhetische Konzept, das iOS seit Version 7 zugrunde liegt. Inklusive dem fehlenden App-Drawer, was für Android-Puristen ein besonders Ärgernis darstellen dürfte.

Immerhin: Die Anordnung der Elemente im Einstellungsmenü stimmt weitestgehend mit jener in einem unberührten Android überein, wenngleich sich manche sonst direkt sichtbare Optionen bei MIUI in Submenüs verbergen. Nach etwas Eingewöhnungszeit findet man sich freilich auch hier zurecht, einen Komfortgewinn im Vergleich zur Standardoberfläche gibt es aus subjektiver Sicht allerdings nicht. Allerdings, und das verdient definitiv eine positive Erwähnung, bietet Xiaomi selbst als Alternative mittlerweile ein AOSP-ROM für das Mi-4 an. Dazu ist aufgrund der hohen Beliebtheit des Geräts auch mit allerlei Custom Firmwares zu rechnen.

foto: derstandard.at/pichler
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Ein zweischneidiges Schwert sind die beiden Kameras des Mi-4. Mit der Hauptkamera lassen sich grundsätzlich sehr schöne Fotos mit realistischen Farben und hohem Detailgrad knipsen. Da der Autofokus aber einerseits schneller sein könnte und andererseits gerne auch am eigentlichen Ziel vorbeischießt, verkommt die Bildaufnahme insbesondere bei bewegten Motiven etwas zu einem Lotteriespiel. Hier gibt es definitiv Luft für Nachbesserungen auf Seiten der Software.

Sehr ordentliche Arbeit leistet die Frontkamera, auch bei nicht mehr ganz optimalen Lichtverhältnissen gelingen taugliche Gesichtsaufnahmen. Eher als Gag einzustufen ist ein Zusatz zur Gesichtserkennung, der Geschlecht und Alter der jeweiligen Person "berechnet". Während die Geschlechtsbestimmung zuverlässig arbeitet, kommt die Alterseinschätzung nur auf einen Trefferbereich von +/- fünf Jahren zum eigentlichen Alter – und schwankt dabei stark mit dem Lichteinfall.

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Die Kamerasoftware selbst präsentiert sich angenehm spartanisch, ebenfalls mit einem Hauch iOS, sowie gängigen Aufnahmemodi wie Panorama oder HDR. Weiters gibt es eine Auswahl von zwölf verschiedenen Filtern, um Bildern einen Look nach Wunsch zu verpassen Ebenfalls dabei ist eine Funktion zur nachträglichen Fokusanpassung, die jedoch recht unspektakulär umgesetzt ist. Der Bokeh-Effekt beim Fokuswechsel von Objekten in der Nähe auf entfernteren Hintergrund und umgekehrt ist leider nur sehr schwach ausgeprägt.

Für Videoaufnahmen werden neben der Standard-Einstellung auch Zeitraffer, Zeitlupe und HDR angeboten. Je nach gewählter Option kann eine Auflösung von bis zu 4K gewählt werden.

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Überzeugendes liefert das Xiaomi Mi-4 in puncto Sound. Obwohl das Gerät lediglich über einen Lautsprecher verfügt, der auf der Unterseite angebracht ist, klingt die Soundausgabe erstaunlich gut. Selbst auf der höchsten Lautstärkestufe, mit der sich ein Zimmer passabel beschallen lässt, hält sich die Verzerrung in Grenzen. Keine Beschwerden gibt es auch hinsichtlich der Audioausgabe über den 3,5mm-Klinkenstecker. Auch hier ist die Lautstärke weit hinaufregelbar und die Ausgabequalität gut.

Sieht man von gelegentlichem, leichten Rauschen ab, ist auch das Telefonieerlebnis gelungen. Beide Gesprächspartner verstehen sich klar und deutlich.

Den Akku des Mi-4 hat Xiaomi mit 3.080 mAh bemessen, was für einen Fünfzöller eine respektable Dimension ist. Die Batterie ist eingeklebt, lässt sich (unter Gefährdung der Garantie) also mit Mühe austauschen. Sie unterstützt Fastcharging und kann in 30 Minuten von 0 auf 60 Prozent aufgeladen werden.

Eine umfangreiche Einschätzung der Laufzeit war im Testzeitraum nicht möglich, aus dem beobachteten Verbrauch lässt sich aber ableiten, dass das Handy bei normaler Nutzung gut über den Arbeitstag kommt. Laut Test von GSM Arena erlaubt ein voll geladener Akku über 18 Stunden Sprechzeit im 3G-Betrieb, 9,5 Stunden Webbrowsen oder sieben Stunden Videoplayback.

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Fazit

Je nach Speichergröße ist das Xiaomi Mi-4 bei den meisten Importhändlern ab etwa 330-340 Euro zu haben. Das ist, gemessen an der Hardwareausstattung auf Highend-Niveau, ein im Vergleich zu "westlichen" Flaggschiffen günstiger Preis. Dass sich die Mi-Phone-Reihe in der Chinaphone-Community schon lange hoher Beliebtheit erfreut, ist kein Zufall.

Das Mi-4 glänzt mit starker Performance und Top-Verarbeitung, bietet guten Sound und brauchbare Akkulaufzeit. Die Frontkamera liefert Fotos in ordentlicher Qualität, die Hauptkamera tallerdings kämpft mit einem etwas störrischen Autofokus. Zur Geschmacksfrage verkommen die vom iPhone abgeleitete Ästhetik des Smartphones sowie die merkbar von iOS inspirierte Android-Oberfläche MIUI, für die es aber immerhin Alternativen gibt. Würde Apple ein Smartphone mit dem Google-Betriebssystem bauen, es wäre vermutlich dem Mi-4 sehr ähnlich.

Man erhält also ein mehr als ordentliches Handy der Fünf-Zoll-Klasse fürs Geld, muss dafür aber die mit einem Importkauf verbundenen Risiken und Nachteile (teils langwieriger Postversand des Gerätes im Garantiefall) in Kauf nehmen. Ist man dazu gewillt, verdient sich das Xiaomi Mi-4 als derzeit wohl bestes "Chinaphone" eine Kaufempfehlung. (Georg Pichler, derStandard.at, 16.11.2014)

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Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Das Testmuster wurde der Redaktion vom Händler Trading Shenzhen für befristete Zeit zur Verfügung gestellt.

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