Der beste Deal der Sportgeschichte

Hintergrund25. November 2014, 09:18
48 Postings

Die Brüder Ozzie und Daniel Silna waren Besitzer einer erfolglosen Mannschaft in einer längst in den Ruin gegangenen Liga. Bis sie den smartesten Vertrag aller Zeiten unterschrieben. Und das ist eine Untertreibung

Mit Verträgen ist das ja so eine Sache. Irgendwo gibt es meistens einen Haken. Geschenkt wird einem auf der Welt bekanntlich nichts, okay. Aber aus einer Million eine Milliarde Dollar zu machen und das ohne Risiko? Kein Nepp.

Es war einmal in Amerika, in den 70er Jahren und Basketball eine einzige Trauerveranstaltung. Es gab zwei defizitäre Profiligen, die sich gegenseitig Konkurrenz im Geldvernichten machten: Die American Basketball und die National Basketball Association (ABA vs. NBA). Als die Ligen 1976 fusionierten, profitieren viele, allen voran die Vereine der Denver Nuggets, Indiana Pacers, San Antonio Spurs und New York Nets – die einzigen vier Teams die nicht verkauft, aus der Konkursmasse der ABA übrig geblieben und in der NBA willkommen waren.

Clever und Smart

Heute macht die NBA über fünf Milliarden Dollar Umsatz, es regnet Geld aus allen Teilen der Welt. Das beste Geschäft in der Geschichte des Profisports machte aber nicht die Liga, sondern das Brüderpaar Ozzie und Daniel Silna.

Mit einem einfachen Buy-out ließen sich die Silnas, Textil-Industrielle, als Besitzer des schillernden ABA-Teams Spirits of St. Louis, nämlich nicht abspeisen. Und handelten in einem Moment für die Ewigkeit. Sie einigten sich mit den Eigentümern der vier aufgenommen Teams darauf, auf ihre eigenen Rechte zu verzichten, das Team der Spirits aufzulösen und alle Spieler des Kaders abzugeben. Im Gegenzug erhielten die Brüder eine Einmalzahlung in Höhe von 2,2 Millionen Dollar und ein Siebtel der Fernseheinnahmen, die von den aufgenommenen vier ehemaligen ABA Teams in Zukunft erzielt werden.

Das wichtigste Detail: Das Recht auf den Teil des Fernsehkuchens besteht solange fort, wie die NBA existiert. Ein steigendes Kalkulationselement also.

Ohne Schweiß ein Preis

Die vier NBA-Teams wussten freilich nicht, welche Summen sie später einmal zahlen müssen. Fernsehgelder waren in den 70ern noch kein großer Faktor, damals wurden die Finalspiele aufgezeichnet und ins Nachtprogramm verräumt. Es gab auch noch kein NBA-TV oder den League Pass als exklusives Web-Fernsehen on Demand. Wer hatte schon eine (Vor)Ahnung vom Internetz?

Tatsächlich waren die Beträge anfangs relativ gering. Anfang der achtziger Jahre betrugen die Zahlungen an Ozzie und Daniel Silna rund eine halbe Million Dollar pro Saison. Mit der Zeit wurde der Kuchen aber immer fetter, für die Saison 2010/11 erhielten sie bereits über 17 Millionen Dollar an Fernsehgeldern. Insgesamt haben sie seit dem Deal etwa 300 Millionen kassiert. Und das wohlgemerkt ohne ein Team zu besitzen, sich mit launischen Spielern und deren Gehältern herum zu schlagen oder überhaupt irgendeinen Finger rühren zu müssen.

Ein Vertrag ohne Ablaufdatum , der nach über 30 Jahren heuer fast still und heimlich terminiert werden sollte. Die NBA hatte eine Abschlagssumme von 500 Millionen Dollar angeboten, damit die Brüder auf weitere Ansprüche verzichten. Dem ging ein jahrelanger Rechtsstreit voraus, die Silnas wollten ihr Recht auf Einnahmen aus allen neuen Distributionskanälen einklagen. Frühere Angebote, sich aus dem Vertrag heraus kaufen zu lassen, schlugen sie in den 80er und 90er Jahren kategorisch aus. Mit dem letzten Angebot zogen die NBA-Verantwortlichen wohl die Notbremse. Der aktuelle Fernsehvertrag der Liga endet 2016, und mit dem Dogma des Wachstums scheint die Decke von zwei Milliarden Dollar gesprengt werden zu dürfen. Damit wäre der Anteil der Silnas in den kommenden Jahren weiter gewachsen. Die nahmen aber Cash auf die Hand. Und sprengen ihre eigene Decke über dem Kopf mit Totaleinnahmen von einer Milliarde Dollar seit die Tinte des Vertrags von anno dazumal trocken ist. Nicht übel für die ehemaligen Besitzer eines Teams, das seit 40 Jahren nicht mehr existiert.

Blöd gelaufen

Dass es auch anders geht, zeigt der Fall des, nun ja, armen John Brown. Der ehemalige Besitzer des ABA-Klubs Kentucky Colonels, die sich 1976 ebenfalls auflösten, ließ sich seinerzeit entschädigen. Einmalig. Um 3,3 Millionen Dollar. Der Mann tröstete sich zumindest später mit dem Amt des Gouverneurs von Kentucky.

Blöd ist aber auch, dass der inzwischen achtzigjährige Ozzie Silna, der im kalifornischen Malibu lebt, und sein 69-jähriger Bruder Daniel, beim Anlegen ihres Vermögens nicht so viel Glück hatten wie einst beim Aushandeln ihres Vertrages. Der Großteil ihres Geldes löste sich im Schneeballsystem des talentierten Milliardenbetrügers Bernie Madoff in Luft auf. Ganz ist die NBA die Silnas noch nicht los, ein Minimal-Anteil soll den Brüdern nach Prüfung der Ausstiegsverträge bleiben. In den Opfer-Fonds für Madoff-Geschädigte müssen sie auch noch artig einzahlen.

Das Ende

Die ABA, das war eine Show und als Show ist sie auch untergegangen. Es wurde mit einem bunten Basketball gespielt, Dreier geworfen lange bevor die NBA auf die Idee gekommen war, mit dem Distanzwurf dem Spiel mehr Pfeffer zu verleihen und es gab Stars ("Dr. J" Julius Erving), Glamour, Drogen und verhaltensauffällige Spieler. Einer davon war Marvin Barnes, der für die Spirits of St. Louis auf Korbjagd ging (denen der US-Sportkanal ESPN übrigens eine famose Dokumentation aus ihrer Reihe "30 for 30" widmete). Der mittlerweile verstorbene Flügelspieler soll neben einer Reihe anderer Eskapaden auf einem Heimflug von einem Spiel in Louisville – Abflug 20 Uhr, Ankunft 19:57 Uhr wegen der Zeitverschiebung – gesagt haben, dass er sich in keine Zeitmaschine setzen würde. Und nahm sich ein Mietauto.

In die Zeitmaschine konnten sich die Silna-Brüder nicht setzen. Aber in die Zukunft schauen, das schon. (Florian Vetter, derStandard.at, 25.11.2014)

  • Nicht nur das Geld, sondern auch das Spiel floss langsamer dahin, in der NBA Ende der 70er-Jahre. Marvin Barnes, ehemals schillernder ABA-Spieler, in Aktion für die Buffalo Braves gegen die Denver Nuggets.
    foto: ap/file-foto

    Nicht nur das Geld, sondern auch das Spiel floss langsamer dahin, in der NBA Ende der 70er-Jahre. Marvin Barnes, ehemals schillernder ABA-Spieler, in Aktion für die Buffalo Braves gegen die Denver Nuggets.

  • Julius Erving war wie Marvin Barnes einer der gefeierten Helden der American Basketball Association (ABA).
    foto: ap/grilotti

    Julius Erving war wie Marvin Barnes einer der gefeierten Helden der American Basketball Association (ABA).

  • Mittlerweile machen die Fernsehgelder auch in der NBA das Kraut fett: Allein heuer sollen es knapp eine Milliarde Dollar sein.
    foto: reuters/molshok

    Mittlerweile machen die Fernsehgelder auch in der NBA das Kraut fett: Allein heuer sollen es knapp eine Milliarde Dollar sein.

  • Ozzie Silna hatte den Riecher.
    foto: espn/30for30/free spirits

    Ozzie Silna hatte den Riecher.

Share if you care.