Unfallprozess in Wien: Amnesie und viele Fragen

10. November 2014, 13:46
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Auf einem Gehsteig wurde im April ein Passant totgefahren. Ein 34-jähriger Angeklagter kann sich nicht mehr erinnern, ob er oder sein Freund am Steuer saß

Wien - Angeklagter Martin P. weiß nicht, ob er schuldig ist. Falls ja, tue es ihm leid, sagt er zur Vorsitzenden Claudia Geiler, aber er könne sich einfach nicht mehr erinnern, ob er am 6. April am Steuer jenes Autos gesessen sei, mit dem ein 52-jähriger Fußgänger totgefahren worden ist.

Genau das wirft ihm Staatsanwältin Angelika Fichtinger vor dem Schöffensenat aber vor: Fahrlässige Tötung unter besonders gefährlichen Umständen, schließlich habe der 34-jährige Angeklagte an diesem Abend 0,87 Promille gehabt - und keinen Führerschein.

P. sitzt im Rollstuhl hier, er wurde bei dem Unfall am Mariahilfer Gürtel auch schwerstverletzt, ebenso Matthias H., sein 19-jähriger Beifahrer. Oder eben nicht der Beifahrer. Denn auch der sagt als Zeuge, er wisse nicht mehr, wer gefahren sei.

Auf Gehsteig gerast

Unbestritten ist nur, dass das Auto damals wegen überhöhter Geschwindigkeit ins Schleudern geriet, auf dem Gehsteig den Fußgänger überfuhr und schließlich einen Laternenpfahl rammte.

Der Passant starb noch an der Unfallstelle, die Autoinsassen mussten von der Feuerwehr aus dem Wrack geschnitten werden. Und nun wird es seltsam: Offenbar ist nirgends vermerkt, wer eigentlich wo gesessen ist. Im Spital wurde möglicherweise nur beim Angeklagten ein Alkotest gemacht, nicht bei seinem Bekannten.

P. bezweifelt irgendwie, dass er gefahren ist, da H. den Wagen, der auf seine Mutter zugelassen war, ziemlich hütete. Als Zeuge sagt H. selbst: "Ich wundere mich, dass ich ihm das Auto geborgt habe." Auf Nachfrage von Verteidiger Christian Werner präzisiert er, er könne sich schwer vorstellen, den Zündschlüssel an seinen betrunkenen Bekannten, mit dem er fort war, übergeben zu haben.

Gedächtnisverlust

Warum ihm diese Zweifel nicht schon früher gekommen sind, kann H. eher nicht erklären. Er schiebt es auf den Gedächtnisverlust nach dem Unfall, erst später habe er zu grübeln begonnen.

Vorsitzende Geiler vertagt schließlich auf unbestimmte Zeit, um weitere Zeugen und Dokumente zu besorgen. (Michael Möseneder, derStandard.at, 10.11.2014)

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