Loretta Lynch: Stille Kämpferin auf einem heiklen Posten

Kopf des Tages9. November 2014, 18:35
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Loretta Lynch soll als erste Afroamerikanerin US-Justizministerin werden.

Es sagt viel über die laute, schillernde Metropole New York, wenn Insider als Erstes betonen, dass sich Loretta Lynch, US-Justizministerin in spe, nicht ins Rampenlicht drängelt. Andere tun das fast leinwandreif, etwa Preet Bharara, der Staatsanwalt des US-Bundes für Manhattan, ein Mann, den Kolumnisten den Sheriff der Wall Street nennen. Lynch vertritt das Justizressort im östlichen Distrikt New Yorks - dazu gehören Brooklyn und Queens, die bodenständigeren Schwestern der glamourösen Wolkenkratzerinsel Manhattan.

Ihre Fälle waren zwar oft spektakulär, es ging um Korruption, um Terroristen und die Mafia. Doch die 55-Jährige gilt als effiziente Arbeiterin ohne Allüren, mehr Mannschaftsspielerin denn Individualistin, Kontrastprogramm zum Image New Yorks.

Wird Lynch vom Senat bestätigt, ist sie die erste Afroamerikanerin auf einem Posten, den schon Stars wie Robert F. Kennedy innehatten. Die Themen, die sie beschäftigen werden, sind höchst kontrovers, von der NSA bis hin zur Frage, wie weit die Exekutive gehen kann, wenn sie aus Drohnen Raketen auf Terrorverdächtige abfeuern lässt. Die Konservativen, selbstsicher nach ihrem Triumph bei der Kongresswahl, wollen frühestens im Jänner, in einem republikanisch dominierten Senat, über die Personalie entscheiden, während das Weiße Haus zur Eile drängt. Streit ist also programmiert, obwohl Lynch nicht als demokratische Parteisoldatin gilt.

Ihren Ruf begründete sie 1999 mit der Causa Louima, einem aufsehenerregenden Fall von Polizeibrutalität. Vor einem Nachtclub wurde damals Abner Louima, Einwanderer aus Haiti, grundlos verhaftet und später von Polizisten gequält. Als einer der Beamten seine Tat vor Gericht abstritt, zerpflückte Lynch die Lüge so gründlich, dass er dreißig Jahre Haft ausfasste.

Geboren wurde sie in Greensboro, einer Stadt in North Carolina, die von sich reden machte, als sich junge Schwarze an die Tresen von Imbisslokalen setzten, die nach den Gesetzen der Rassentrennung allein für Weiße reserviert waren. Ihr Vater, Landarbeiter und Pastor, half zu Unrecht Angeklagten, aus dem rassistischen Süden zu fliehen. Sie selbst konnte in Harvard studieren, wo kurz darauf auch Obama in den Hörsälen sitzen sollte. Als ein internationales Strafgericht an die Aufklärung des Völkermords in Ruanda ging, gehörte Lynch zum Beraterteam. Seit 2010 ist sie Staatsanwältin im Eastern District New Yorks. (Frank Herrmann, DER STANDARD, 10.11.2014)

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