Die Losung der Tiere mit eitel Gesang

9. November 2014, 16:57
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Musiktheater für Groß und Klein bei Wien Modern

Wien - Wer das Leben kennt, weiß: Scheiße kann einem in den unterschiedlichsten Formen begegnen. Eine Kuh kackt einen Brei, der sich später zu pizzagroßen Fladen verfestigt. Die Exkremente des Pferdes ähneln Äpfeln, jene der Ziege erinnern an Fleischbällchen, die Losung eines Hasen lässt an Kaffeebohnen denken. Das Huhn spritzt eher, als dass es scheißt, und das Schwein produziert einen braunen Gatsch. Kuh, Pferd, Ziege, Hase, Huhn und Schwein: Alle sind sie da und defäzieren munter drauflos im Singspiel mit dem handlungserklärenden Titel Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat. Doch der braune Kringel auf dem Kopf des Grabetiers hat mit den Nahrungsverwertungsresten der sechs keine Ähnlichkeit. Wer war's denn nun?

Ach, es ist wirklich eine süße Produktion, die da im Dschungel Wien zu sehen ist. Sara Ostertag (Konzept, Fassung, Regie) hat das gleichnamige Kinderbuch von Werner Holzwarth für die Bühne adaptiert, Hannes Dufek hat die Musik für die 45-minütige Produktion geschrieben, die für Kinder ab drei Jahren mit großem Vergnügen konsumierbar ist.

Der Maulwurfshügel (Bühne: Christian Schlechter) weckt Erinnerungen an jene Höhlen aus Sofapolstern, die man als Kind gern gebaut hat. Martina Rösler gleicht in der Rolle des Maulwurfs einer Barbara Schöneberger, die einen kauzigen und doch lebenslustig-kecken Professor spielt. Und Michèle Rohrbach verwandelt sich mit großem Vergnügen in die sechs Tiere.

Dufeks Musik changiert zwischen Weill, Strawinski, Schlagern der 50er-Jahre und Free Jazz; er selbst macht an Pianino, Gitarre und Mundharmonika eine ebenso liebenswert-skurrile Figur wie Florian Fennes am Holzblasinstrumentarium. Wir sind der Meinung: Das ist dufte!

Wer zeitgenössische Musik kennt, weiß: Oper kann einem da in den unterschiedlichsten Formen begegnen. Bei Wien Modern ist aktuell eine Sitcom-Oper von Bernhard Gander (Musik) und Johannes Heide & Christa Salcher (Libretto) zu erleben: Das Leben am Rande der Milchstraße. Nachdem die ersten drei Folgen im August bei den Bregenzer Festspielen uraufgeführt worden waren, gingen am vergangenen Wochenende die Folgen vier bis sechs erstmals über die Bühne des Berio-Saals im Wiener Konzerthaus.

Man erlebte weitere Konfusionen im "European Bureau of Future" in der Klosterneuburger Milchstraße 142a: Die beiden von der EU entsandten Evaluierungsexperten Leo Maria Bloom (Benjamin Appl) und Imogen Wirth (Theresa Dlouhy) evaluierten immer noch, amouröse und anderweitige Verwicklungen behinderten die Prüfarbeit. Zusammen mit Bürochef Jürgen Oder (Nicholas Isherwood), der überreifen Bürosexbombe Donatella Weyprecht (Anna Clare Hauf), dem büroklammerdünnen Nerd Kevin von Széchenyi (Bernhard Landauer) und der toughen Bürorevolutionärin Yumi Desphande (Bibiana Nwobilo) verzettelte man sich in Arbeitsgruppen und beim Armdrücken.

Rabenschwarzer Metal

Blooms Anzug saß immer noch wie eine Eins, Wirths propere Doris-Day-Heiterkeit ebenso. Folge 4, Figls Sofa, war am witzigsten, danach verloren sich Heide & Salcher gar sehr im Absurden. Metal-Fan Gander frönte rabenschwarzem Humor: Die schwergewichtigen, geröllhaften Klänge, die von den sieben Musikern des Ensembles Phace (Leitung: Simeon Pironkoff) produziert wurden, hingen wie ein Mühlstein am Gemüt. So müssen Dinosaurierfürze geklungen haben.

In den drei überraschend gesangsarmen Folgen hatten die hervorragenden Sänger kaum Gelegenheit, ihre Künste zu zeigen; von Regisseurin Nicola Raab in routinierter Überdrehtheit in Szene gesetzt, konnten sie jedoch ihre komödiantischen Qualitäten ausspielen. Helle Begeisterung für das schwarzhumorige Treiben. (Stefan Ender, DER STANDARD, 2014.11.10)

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