Wie die Freilassung der letzten zwei US-Geiseln in Nordkorea gelang

9. November 2014, 12:48
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Pjöngjangs Machthaber Kim Jong-un bestimmte den überraschenden Zeitpunkt der Verkündung zur Freilassung seiner US-Geiseln gleichzeitig mit Beginn des Apec-Gipfels in Peking. Kims Kalkül: Nordkorea ist kein Apec-Mitglied, aber bringt sich positiv auf die Tagesordnung

Pjönjang/Peking - Pjöngjangs Machthaber Kim Jong-un bestimmte den überraschenden Zeitpunkt zur Verkündung für die von ihm angeordnete Freilassung der verurteilten Amerikaner Kenneth Bae und Matthew Miller. Er bestimmte auch die spektakuläre Art und Weise, mit der er Washington erlaubte, sie nach Hause zu holen. Es war Mitternacht auf Sonntag in Peking und Mittagszeit in den USA, als die Sprecherin des Aussenministerium Jennifer Psaki die Freilassung betätigte.

US-Geheimdienstdirektor James Clapper war dafür persönlich nach Nordkorea gereist. Er sei mit den beiden US-Bürgern nun auf dem Rückflug in die USA. Kein Diplomat oder Politiker, sondern der US-Spionagechef selbst war auf Einladung von Pjöngjang in der streng geheimgehaltenen Mission nach Nordkorea geflogen. Er brachte einen an Diktator Kim adressierten "persönlichen" Brief von US-Präsidenten Barack Obama mit. Das reichte, um den 42 Jahre alten Missionar Bae freizubekommen, der von seiner Verurteilung zu 15 Jahren Zwangsarbeit mehr als zwei Jahre in Haft verbracht hatte und auch den 24-jährigen Miller, der wegen angeblicher Spionage gerade zu sechs Jahren Arbeitslager verurteilt worden war. Beide waren nach der Freilassung des US-Bürgers Jeffrey Fowle am 21. Oktober die beiden letzten US-Geiseln in nordkoreanischem Gewahrsam. Inzwischen begrüßte auch Obama ihre Freilassungen. Er dankte Clapper und sprach von einer "Mission der Herausforderungen."

Perfekt arrangiert

Die Botschaft von Schweden half diskret mit, weil USA und Nordkorea keine diplomatischen Beziehungen unterhalten. Alles war perfekt arrangiert. US-Außenminister John Kerry, der sich zur Konferenz der 21 Apec-Staaten (Asien-Pazifischer Wirtschaftsbund) bereits in Peking aufhält, vermied am Sonnabend nachmittag auf seiner Pressekonferenz den Namen Nordkorea überhaupt zu erwähnen. Vorab ausgewählte Journalisten befragten ihn auch nicht dazu. Sie wollten wissen, was er zur sich neu abzeichnenden Aussöhnung zwischen China und Japan sage, die beide wieder miteinander reden. Kerry lobte den "sehr konstruktiven Beginn. Er ist noch nicht das Ende" besserer Beziehungen zwischen Peking und Tokio. "Jetzt müsse mit mehr Zeit auch noch mehr Fleisch an die Knochen kommen.,"

Kerry dachte da wohl schon an die gleichzeitigen Aktionen in Nordkorea. Von der Freilassung der US-Amerikaner geht nun das zweite auf Entspannung im Apec-Raum gezielte, politische Signal aus. Doch die weltweit isolierte und geächtete Pjöngjanger Führung, die wegen ihrer Atom- und Raketentests unter verschärften UN-Sanktionen steht und wegen ihrer besonders grausamen Menschenrechtsverletzungen erstmals auch von den Vereinten Nationen verurteilt werden soll, verfolgt ihr eigenes Kalkül. Sie bringt sich mit ihrer Überraschungsaktion selbst auf die Tagesordnung der APEC, der Nordkorea nicht angehört. UN-Generalsekretär Ban Ki-moon ermunterte dazu. Er hoffe, dass die von ihm begrüßte Freilassung nun zum "positiven Momentum" wird, "um die Beziehungen zwischen allen betroffenen Parteien zu verbessern, zum Wohl des Frieden und Sicherheit auf der koreanischen Halbinsel."

Apec-Gipfel

Statt weiterer Vorwürfe an Pjöngjang steht nun bei der Apec in Peking wieder das Werben um Nordkorea auf der Agenda. Vor allem geht es um die Rückkehr des isolierten und unberechenbaren Staates zu den Sechs-Parteiengesprächen, bei denen China, USA, Russland, Südkorea und Japan Diktator Kim seine Atomaufrüstung abverhandeln wollen. Die Staats- und Regierungschefs aller Beteiligten der von China einst initiierten und von Nordkorea einseitig abgebrochenen und aufgekündigten Gespräche werden sich am Montag zum Apec-Gipfel in Peking versammeln. Unter ihnen sind mit US-Präsident Barack Obama, Russlands Wladimir Putin, Japans Shinzo Abe und Südkoreas Präsidentin Park Geun-hye bis auf Nordkorea alle ehemaligen Teilnehmer der Sechs-Parteiengespräche dabei. Sie werden am Rande des Wirtschaftsgipfels Einzelgespräche mit Gastgeber Xi Jinping, dem Präsidenten der Volksrepublik führen, die der einzig verbliebene politische verbündete- und wirtschaftliche Unterstützerstaat für Nordkorea ist.

Falls Nordkorea sich auf eine Wiederauflage der Sechs-Parteien Gespräche in Peking einlässt, wird es dort alte Bekannte treffen können. Chinas heutiger Außenminister Wang Yi leitete vor Jahre bereits die Gesprächsrunden in Peking. US-Aussenminister John Kerry ernannte gerade den US-Diplomaten Sung Kim zum Sonderbeauftragten für die Nordkorea-Politik der USA. Koreaspezialist Kim war zuletzt nicht nur US-Botschafter in Seoul. Jahre zuvor war er für die USA auch Mitglied bei den Pekinger Sechs-Parteien-Gesprächen.(Johnny Erling, derStandard.at, 9.11.2014)

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