Die Angst vor Deutschland

7. November 2014, 18:15
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25 Jahre nach dem Mauerfall muss das Land seine Rolle neu definieren

Die meisten Bürgerrechtler wollten im Herbst 1989 eine andere DDR, aber sie bekamen ein wiedervereinigtes Deutschland. Die Dynamik der Ereignisse hat alle überrascht und viele überrollt - auch die Partner im Ausland. Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) schrieb in seinen "Erinnerungen 1982-1990", in Bezug auf eine deutsche Wiedervereinigung sei Frankreichs Präsident François Mitterrand zurückhaltend und die britische Premierministerin Margaret Thatcher dagegen gewesen. Einzig der sozialistische spanische Premier Felipe Gonzáles habe ihn vorbehaltslos unterstützt.

In Einzelgesprächen hatte der damalige Regierungschef der BRD die Vorbehalte und Befürchtungen vor einem zu großen, zu mächtigen wiedervereinigten Deutschland bei den europäischen Nachbarn zu zerstreuen versucht. Schließlich gelang ihm sogar die Einbindung des neuen Deutschland in das Verteidigungsbündnis des Westens, in die Nato.

Dass er seinen Landsleuten blühende Landschaften versprach und der Umrechnungskurs 1:1 statt, wie von Experten empfohlen, 1:7 war, ist auf die Dynamik der Ereignisse zurückzuführen. Rückblickend war es aber ein schwerer politischer und ökonomischer Fehler, weil keine realen Gegenwerte vorhanden waren.

Bis 2009 haben die Deutschen jährlich rund vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts nach Ostdeutschland geschaufelt - geschätzte zwei Billionen Euro bisher. 25 Jahre nach dem Mauerfall sind ostdeutsche Innenstädte oft schmucker als jene in Westdeutschland. Das ist auf das "Gemeinschaftswerk Aufbau Ost" zurückzuführen. Keine andere Volkswirtschaft hätte einen solchen Prozess in dieser kurzen Zeit stemmen können.

Gepaart mit politischer Zurückhaltung bewirkte dieser ökonomische Kraftakt, dass Deutschland in den Jahren nach der Wiedervereinigung in Europa als nicht allzu mächtig wahrgenommen wurde. Das Werben und Einbinden auch der kleineren EU-Staaten war kennzeichnend für den Politikstil des persönlich durchaus dominant auftretenden Helmut Kohl, der ein eifriger Strippenzieher und berüchtigter Vieltelefonierer war. Das passte in die Bonner Republik, die auf die Nachkriegserfahrung der Zurückhaltung gegründet war.

Erst mit dem Wechsel zu Gerhard Schröder und dem Regierungsumzug nach Berlin wurde das Auftreten Deutschlands selbstbewusster - auch in Europa. Die rot-grüne Regierung bemühte sich nicht mehr, kleinere EU-Staaten zu konsultieren. Wichtig war der deutsch-französische Motor, der Europa vorwärtsbringen sollte. Das selbsternannte deutsch-französische Direktorium wurde auch als Diktat wahrgenommen. Der Bruch des Stabilitätspakts blieb erst dann für alle anderen ohne Konsequenzen, als sich auch Berlin und Paris nicht mehr an die Regeln hielten.

Mit Angela Merkel (CDU) hat die Dominanz der Deutschen durch die Eurokrise zugenommen. Dazu trägt das ökonomische Erstarken bei, das nicht zuletzt auf innenpolitische Reformen - insbesondere im Arbeitssektor - der Regierung Schröder zurückzuführen ist. Diese doppelte Stärke im Bereich der Politik und der Wirtschaft ruft Ängste bei europäischen Partnern hervor, lässt aber auch den Ruf nach einer stärkeren Verantwortung Deutschlands auf der internationalen Ebene laut werden. In den nächsten Jahren wird Deutschland seine Rolle in der Weltpolitik neu definieren müssen. (Alexandra Föderl-Schmid, DER STANDARD, 8.11.2014)

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