Gott und das Leberkäsesemmerl

7. November 2014, 17:46
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Im STANDARD fand sich schon wiederholt eine "Heute"-Werbung mit dem Text: "Niemand braucht mehr Zeitung, als er Zeit hat."

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit hilft uns in diesen Tagen das Genie der Familie Dichand auf die Sprünge. Als Ergebnis der mutuellen Darmspiegelungen von Politik und Boulevard bringt sie neben der "Kronen Zeitung" bekanntlich auch das Einwickelpapier "Heute" für Teilnehmer am öffentlichen Verkehr gratis auf die Straße. Dafür wirbt sie in Zeitungen, offenbar in der Hoffnung, es ließe sich ein Publikum, das an Information interessiert ist, mit dem Versprechen von Zeitgewinn auf die Seite des Analphabetentums ziehen. So fand sich unter anderem im "Standard" schon wiederholt eine Werbung für "Heute" mit dem Text: Niemand braucht mehr Zeitung, als er Zeit hat.

Da die Hervorbringer diesbezüglicher Geistigkeit im Bewusstsein ihres Wertes immerhin auf die Dreistigkeit verzichten, außer für Inserate auch noch von U-Bahn-Fahrern Geld zu verlangen, erübrigt sich hier die bewährte Anregung: Kauft nicht bei unseren Inserenten!

Dem Rätsel der Zeit haben schon größere Philosophen nachsinniert, als die Dichands hervorgebracht haben, aber noch keiner ist auf den doch so naheliegenden Gedanken gekommen, dass Zeit das sei, was zwischen drei U-Bahn-Stationen vergeht, wenn sich der Zug bewegt, zugemüllt mit verschmuddelten Exemplaren von "Heute", deren vazierende Entnehmer Sein und Zeit ganz im Sinne von Martin Heidegger und Eva Dichand unter dem Aspekt Wut über 'Todesurteil' für Hund - Frauerl zieht in Wohnung mit Tierverbot zur Deckung zu bringen versuchen. Dabei hat kein Mensch in seinem Sein so viel Zeit, dass er sie mit dem Konsum von Boulevardprodukten vergeuden sollte, aber wer denkt schon daran?

Mahnungen, der Vergänglichkeit alles Irdischen zu gedenken, häufen sich Anfang November traditionell. Etwas überraschend und schwer auf Beruhigung bedacht äußerte sich zu Allerheiligen der Wiener Dompfarrer im "Kurier". Uns Christen wird im Tod das Leben gewandelt, nicht genommen. Es ist beruhigend zu erfahren, dass 280 Tonnen Gold als Reserven in unserer Nationalbank liegen. Es ist tröstlich zu wissen, dass so viele Männer und Frauen trotz aller Schwierigkeiten - vielleicht sogar durch ein Martyrium - das Ziel ihres Lebens erreicht und die volle Gemeinschaft mit Gott erlangt haben. Jede Seele ist Gott willkommen. Auch wenn die wenigsten von uns Gold in Händen halten können - wir dürfen einem goldenen, ewigen Herbst am Ende unseres Lebens entgegengehen.

Der Sprung von den 280 Tonnen Gold als Reserven in unserer Nationalbank zum goldenen Herbst am Ende unseres Lebens ist ein theologisches Bravourstück, von Toni Faber bei vielen Weinverkostungen eingeübt. Das war aber eine spirituelle Lappalie gegen den neuesten Anschlag Andreas Salchers in "Österreich". Führte er lange Zeit die Bevölkerung durch die heimische Bildungslandschaft, hat er mit seinem neuen Buch umgesattelt: "Ich nehme die Menschen bei der Hand und führe sie durch ihre letzte Stunde."

Wer eine solche Führung wünscht, darf nicht "Heute", er muss das Werk des Seelenführers lesen. Es heißt auch "Meine letzte Stunde" und verfügt zumindest über einige außerliterarische Qualitäten: "Es ist ein lebensgefährliches Buch, wenn man sich darauf einlässt." Seit der Verkauf begonnen hat, muss ein Ruck durch Österreich gegangen sein, glaubt man dem Autor. Ich habe viele Reaktionen auf mein Buch bekommen, Menschen haben mir geschrieben, dass sie sich getrennt haben, ihre Jobs hingeschmissen haben, um sich selbst zu verwirklichen. Andere haben jenen Menschen erkannt, der ihnen in der letzten Stunde ihres Lebens die Hand halten soll - und diesen Menschen geheiratet.

Ob das die Voraussetzung für eine gute Ehe ist, sei dahingestellt, aber soll noch einer sagen, Bücher hätten keine Macht über Menschen! Wann hat je "Heute" eine solche Wirkung auf Pendler zwischen Leben und Tod gehabt? Dabei ist Salcher nur ein Bastler wie andere auch. Die meisten Menschen basteln sich ihr Gottesbild so wie ich irgendwie zusammen. Das führt dann zu einer leicht verschwommenen Perspektive: Ich glaube an ein positives Danach. Das Positive daran? Ich glaube nicht an einen strafenden Gott mit weißem Bart, der streng urteilt, weil man einmal als Kind am Karfreitag ein Leberkäsesemmerl gegessen hat.

Von jemandem, der Gott derart unterschätzt, möchte man lieber nicht durch seine letzte Stunde geführt werden. Gott ist Veganer, und die sind gnadenlos. (Günter Traxler, DER STANDARD, 8./9.11.2014)

  • Eva Dichand, "Heute".
    foto: apa/hochmuth

    Eva Dichand, "Heute".

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