Die große Mühe nach dem vielen Jubel

7. November 2014, 17:14
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Der Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 gilt als einer der größten Glücksfälle in der deutschen Geschichte. Nicht einmal ein Jahr danach war das jahrzehntelang durch Stacheldraht und Mauer getrennte Deutschland bereits wiedervereinigt. Die Gedenkstunde im Bundestag am Freitag machte deutlich, welche Risse es immer noch gibt

Gedenkstunden sind eine heikle Angelegenheit. Feierlich sollen sie sein, alle einschließen, natürlich versöhnlich - aber auch nicht ganz unkritisch. Also hat man sich im Deutschen Bundestag zum Mauerfall-Jubiläum Folgendes ausgedacht: Bei der Gedenkstunde am Freitag sollten nicht nur schöne Reden anlässlich des 25. Jahrestages des Mauerfalls geschwungen werden, sondern es sollte auch Wolf Biermann ein Lied singen.

Der bekannte und preisgekrönte Liedermacher und Lyriker war 1976 wegen seiner systemkritischen Texte aus der DDR ausgebürgert worden, er ist nach wie vor ein äußerst kritischer Kopf. Biermann nimmt am Freitag also im Bundestag Platz, die Gitarre hat er auch schon dabei. Doch zunächst kommt kein Lied, sondern ein Eklat.

Denn er wendet sich direkt an die Linksfraktion und greift sie frontal an. Den Hinweis von Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) auf die Geschäftsordnung, dass er im Plenum nur reden dürfe, wenn er in diesem gewählt sei, schmettert Biermann ab: "Das Reden habe ich mir in der DDR nicht abgewöhnt und werde das hier schon gar nicht tun."

Die Linke nämlich sei "der elende Rest dessen, was zum Glück überwunden ist", sagt Biermann. Man müsse "die Reste der Drachenbrut" aber nicht niederschlagen, denn "die sind geschlagen". Und dann mit leichter Häme: "Ihr seid dazu verurteilt, das hier zu ertragen. Ich gönne es euch."

Wirklich feierlich ist so manchem im Bundestag hernach nicht mehr zumute, auch nicht, als die Abgeordneten zum Schluss gemeinsam die deutsche Nationalhymne singen. Das hatten sie schon einmal getan, vor 25 Jahren. Am 9. November 1989, als die Kunde vom Mauerfall in Berlin nach Bonn (der damaligen Hauptstadt) durchdringt, erheben sich die Abgeordneten spontan und singen.

Es wird überhaupt viel gesungen, gejubelt und gefeiert in diesen Tagen. Was Millionen von Menschen nicht mehr für möglich gehalten hatten, war ohne Blutvergießen erfolgt: der Fall der Mauer in Berlin, genauer an der Bornholmer Straße.

Wann der Prozess, der in diesem Jubeltag gipfelte, begonnen hatte, kann man nicht genau festmachen. Viele, wie der letzte DDR-Außenminister Markus Meckel (SPD), erinnern an die Wahlen in Polen am 4. Juni 1989. Aus diesen ging Tadeusz Mazowiecki als erster nichtkommunistischer Ministerpräsident im Ostblock hervor. "Ein Paukenschlag", so Meckel.

Und eine große Ermutigung für die DDR-Opposition. Großen Einfluss hatten auch die Massenfluchten von DDR-Bürgern im Sommer 1989 über die ungarisch-österreichische Grenze. Ein wichtiger Meilenstein war der 30. September 1989. Tausende Flüchtende harrten unter prekären Umständen seit Tagen im Garten der westdeutschen Botschaft aus.

Am Abend trat der damalige deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) auf den Balkon und sagte seinen historischen, aber unvollendeten Satz: "Wir sind heute zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise ..."

Montagsdemonstration in Leipzig

"... möglich geworden ist" - hätte der Rest gelautet. Er ging im Jubel unter. Von diesem Tag an dünnt die DDR nicht nur immer mehr aus, sondern auch im Inneren gärt es immer stärker. Am 9. Oktober kommt es in Leipzig nach dem Montagsgebet zu einer Massendemonstration. "Wir wollen keine Gewalt! Wir wollen Veränderungen!", rufen die Menschen, als sie in der Dunkelheit mit Kerzen in den Händen durch die Stadt ziehen, vorbei an nervösen Sicherheitskräften. Aber auch, und das klingt für die Staatsmacht wie eine Provokation: "Wir bleiben hier! Wir sind das Volk! Gorbi! Gorbi!"

Auf Michail Gorbatschow, den Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU), auf dessen Glasnost und Perestroika setzen sie ihre Hoffnung. Erst zwei Tage zuvor, am 7. Oktober, war Gorbatschow in Ostberlin gewesen, um an den Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der DDR-Gründung teilzunehmen.

"Wer zu spät kommt ..."

Er nimmt gemeinsam mit DDR-Staatschef Erich Honecker die pompöse Militärparade ab, sagt diesem aber auch den legendären Satz: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben." Er wird von aller Welt als Aufforderung zu Reformen verstanden.

Nur Honecker tut sich damit schwer. Doch am 18. Oktober 1989 ist er ohnehin Geschichte. Aus "gesundheitlichen Gründen" wird er von Egon Krenz abgelöst. Der will das Ruder rumreißen, spricht von "Wende". Ein neues Reiserecht kommt, Beschränkungen gegenüber der Tschechoslowakei werden aufgehoben. So hatten die DDR-Bürger die Möglichkeit, über diese nach Westdeutschland auszureisen. Tausende tun es, doch denen, die bleiben, reicht das Gesetz nicht.

Am 6. November brüllen Hunderttausende bei der Montagsdemonstration in Leipzig: "Zu spät, zu spät!" Es fällt auch die Forderung: "Die Mauer muss weg!" Nur noch drei Tage dauert es, dann ist es so weit. Angeordnet hat es niemand.

Die Jahrhundertbilder von den jubelnden Menschen gehen um die Welt. In diesen Tagen überwiegen Freude und Glück, die Probleme kommen erst später. Bundeskanzler Helmut Kohl segelt mit dem "Wind of Change" und handelt schon in den nächsten Monaten mit Gorbatschow die deutsche Wiedervereinigung aus.

Sie wird sehr teuer. Milliarden muss der Westen in den Osten pumpen, um dort den Weg zu annährend gleichen Lebensverhältnissen einzuleiten. Noch 25 Jahre nach dem Mauerfall zahlen Wessis wie Ossis den "Soli" (Solidaritätszuschlag) in Höhe von fünf Prozent ihrer Bemessungsgrundlage.

Laut Infratest-Dimap-Umfrage sind drei von vier Ostdeutschen mit der Wiedervereinigung zufrieden. Sie schätzen vor allem Reisefreiheit und persönliche Freiheit, vermissen aber das DDR-Schulsystem und die soziale Absicherung. In Westdeutschland sehen nur 50 Prozent mehr Vor- als Nachteile durch die deutsche Einheit. Immer noch denken viele in den alten Bundesländern, sie hätten die Einheit ja bezahlt, und empfinden die Ostdeutschen als undankbar.

Ausgerechnet zum 25. Jahrestag des Mauerfalls kocht die Debatte um die Linke wieder hoch. Läuft alles wie geplant, wird sie ab 5. Dezember in Thüringen den ersten Ministerpräsidenten Deutschlands stellen.

Ist das zumutbar? Kann man der Nachfolgepartei der SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands) die Führung eines Landes anvertrauen? Ja, sagen die einen, es sind schon 25 Jahre vergangen. Personen und Umstände haben sich geändert. Nein, erwidern die anderen, es sind erst 25 Jahre vergangen. Die Erinnerung an Stacheldraht und Unterdrückung sitzt noch zu tief, das alte Denken ist in der Linkspartei nicht verschwunden. Wolf Biermann jedenfalls hat am Freitag im Bundestag ganz deutlich gemacht, wie er die Sache sieht.(Birgit Baumann aus Berlin, DER STANDARD, 8.11.2014)

  • Am 15. Juli 1990 verhandeln der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl (re.) und der sowjetische Präsident Michail Gorbatschow im Kaukasus in legerer Kleidung die deutsche Wiedervereinigung. Sichtlich angetan sind die Außenminister Hans-Dietrich Genscher (sitzend) und Eduard Schewardnadse (links neben Kohl).
    foto: roberto pfeil/ap/dapd

    Am 15. Juli 1990 verhandeln der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl (re.) und der sowjetische Präsident Michail Gorbatschow im Kaukasus in legerer Kleidung die deutsche Wiedervereinigung. Sichtlich angetan sind die Außenminister Hans-Dietrich Genscher (sitzend) und Eduard Schewardnadse (links neben Kohl).

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