Supernettes Sonnenbankerltanzen

7. November 2014, 17:19
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Nacktes und Intimes zum Auftakt des Freischwimmer-Festivals im Brut-Theater

Wien - Originell ist das Thema des diesjährigen Freischwimmer-Festivals für junge darstellende Kunst aus Deutschland, Österreich und der Schweiz nicht. Denn da wird mit einem Mainstream geschwommen: Bis Mitte November wird es im Brut-Theater auf verschiedenen Ebenen "intim". Zum Auftakt dieser kleinen Kuschelkanonade gab es Tanz im Wohnwagen, Tanz mit Jodeln und eine Abrechnung mit der abseitigen dänischen Talkshow von Thomas Blachman.

Vor eineinhalb Jahren sorgte der Musiker Blachman mit einem simplen Setting für internationalen Medienprotest: Zwei bekleidete Männer räsonierten in "intimer" Studioatmosphäre ohne Saalpublikum mit "ästhetischem Anspruch" über eine entblößt und stumm vor ihnen stehende Frau: pure Misogynie in besonders hinterfotziger Form. Die Show lief zwar im Mai des Vorjahres nach sechs Folgen aus, aber der Schaden für das Fernsehen, Dänemark und das Geschlechterverhältnis war beträchtlich.

Aus diesem Stoff haben die in Deutschland arbeitenden Choreografinnen Rose Beermann und Iva Sveshtarova ihr Stück Strip naked, talk naked gestrickt, in dem sie ein Reenactment der Blachman-Show und ein performatives Nachspiel zeigen. Der erste Teil ist das Dokument - unerlässlich in einer übervergesslichen Zeit wie der unseren -, und das Nachspiel ist als Kommentar der beiden Künstlerinnen zu verstehen. Letzteres ist überraschend läppisch geraten.

Duett in Slips und BH

Beermann und Sveshtarova tanzen - absichtlich schlecht - ein Duett in Slips und BH, veranstalten einen schrottigen Burlesque-Brusttanz mit Pasties. Sie erklären die Blachman-Show, zeigen ein paar Tableaux vivants mit künstlichen Pflanzen, hüpfen mit einer aufblasbaren Sonne umher, bringen Obst, Gemüse und Konfetti ins Spiel, ziehen sich an und ihre männlichen Mitspieler aus.

Das kommt mager über die Bühne. Aber die Künstlerinnen spielen hier offenbar mit der Frage, ob das bloße Nachstellen als Dokuperformance im Rahmen eines zeitgenössischen Theaterfestivals noch selbsterklärend genug ist - oder ob es wieder explizit geäußerte Kritik braucht. In Strip naked, talk naked wird dazu allerdings nicht eindeutig Stellung genommen.

Als konservative Statements gelten Jodeln, Volkstanz und Ballett. Der österreichische Choreograf Simon Mayer will das nicht auf sich beruhen lassen und mischt diese Ingredienzen in sein von Bastelfreude zeugendes Nacktsolo SunBengSitting. Gebastelt wird an Atmosphären zwischen Vogelzwitschern im Dunkeln, Peitschenknallen und Abendlicht, an Tanzbewegungsabläufen, musikalischen Einlässen und lustigen Szenen. Am Ende sitzt der Tänzer auf einem selbstgesägten Bankerl - in Unterhose, damit er sich keinen Splitter in den Allerwertesten drückt.

Mayer inszeniert zwar ein elitäres Körperbild, aber er konterkariert dieses auch immer wieder. Die Nacktheit des Tänzers bedeutet in SunBengSitting so viel wie das ganze Stück: nette Unterhaltung. Simon Mayer führt hier einen Tanz für Hipster vor, der vom dazupassenden Brut-Publikum mit Vergnügen aufgenommen wurde.

Wie der Eröffnungsabend überhaupt, an dem es noch ein ebenfalls nettes Sexstandl (Georg Klüver-Pfandtner & Rosalie Schweiker) gab, Tanzsoli nach Wunschliste von Tümay Kilinçel und Jungyun Bae im Wohnwagen und die übliche Party. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 8.11.2014)

Bis 15. 11.

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Brut Wien

  • Doppelperformance mit Melonen, Gurken und Ananas: Rose Beermann und Iva Sveshtarova in "Strip naked, talk naked".
    foto: g. f. ludwig

    Doppelperformance mit Melonen, Gurken und Ananas: Rose Beermann und Iva Sveshtarova in "Strip naked, talk naked".

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