Mauerfall: "Ich bin stolz, dass kein Blut geflossen ist"

Reportage8. November 2014, 17:00
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Der DDR-Offizier Harald Jäger öffnete am 9. November 1989 den Schlagbaum ohne Befehl von oben

foto: reuters/fabrizio bensch/files (
28 Jahre lang trennte die Mauer nicht nur Ost- und Westberlin, sondern auch Deutschland und Europa. Am 9. November 1989 ist sie Geschichte.

Es ist mühsam, die Bornholmer Straße in Berlin schnell mal zu überqueren. Vier Spuren hat sie, und der Strom der Autos reißt nur selten ab. "1989 wäre das ganz einfach gewesen. Ich hätte bloß die Hand heben müssen, und alle hätten auf mein Kommando gehört", sagt Harald Jäger. Dann muss er selber lachen. Die Vorstellung ist einfach zu absurd.

Jäger ist jener Mann, der damals am späten Abend des 9. November 1989 die Berliner Mauer zu Fall brachte. Das allerdings hört er nicht so gern. "Nee, nee", sagt der heute 71-Jährige, "nicht ich habe die Mauer in dieser Nacht aufgemacht, das waren die Bürger der DDR schon selber."

Fakt ist: Harald Jäger hat am 9. November 1989 am Grenzübergang Bornholmer Straße Dienst. Er steht im Rang eines Oberstleutnants und ist stellvertretender Leiter des Grenzpostens. Sein Chef ist nicht da. Macht aber nichts, der Abend verläuft zunächst ruhig. Natürlich ist Jäger und seinen Kollegen die Unruhe, die seit Tagen herrscht, nicht entgangen. Erst am 4. November hatten eine Million Menschen an einer großen Demo am Berliner Alexanderplatz teilgenommen. Ständig ist von Reisefreiheit und mehr Demokratie die Rede.

Doch Jäger hat an diesem Abend andere Probleme. Sein Magen schmerzt, und so ist er froh, dass er kurz nach 18 Uhr 45 in der Kantine des Grenzpostens endlich ein paar Bissen essen kann. Der Fernseher läuft, wieder eine dieser Endlos-Übertragungen einer Pressekonferenz des Politbüros.

"Doch dann ist mir wirklich der Bissen im Hals stecken geblieben", erinnert sich Jäger im Gespräch mit dem Standard. Denn Politbüromitglied Günter Schabowski informiert live im TV, dass künftig "Privatreisen nach dem Ausland" von jedermann beantragt werden und diese "ständigen Ausreisen" dann über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD beziehungsweise zu Westberlin erfolgen können.

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Die ersten DDR-Bürger sind damals über den Grenzübergang Bornholmer Straße in die neue Freiheit gefahren oder gegangen,...
foto: imago/rolf zöllner
...nachdem sie im Fernsehen von den neuen Reisemöglichkeiten gehört hatten.

Ab wann dies gelte, will ein Journalist wissen. Schabowski stockt kurz, kramt in seinen Unterlagen und verkündet das schier Unglaubliche: "Das tritt nach meiner Kenntnis ... ist das sofort. Unverzüglich." Doch er erwähnt nicht, dass diese Meldung eigentlich erst am 10. November an die Öffentlichkeit gelangen soll, da die Grenzposten noch gar nicht informiert sind.

Deshalb denkt Jäger an der Bornholmer Straße auch sofort: "Was is 'n das für 'n geistiger Dünnschiss?" Er greift zum Telefon und erreicht seinen Vorgesetzten, Oberst Rudi Ziegenhorn. Der weiß von nichts und wird unwirsch: "Wegen dem Blödsinn rufst du mich an?" Und überhaupt: Jäger werde wohl wissen, was an einer DDR-Grenze zu tun sei, wenn jemand ohne Visum raus wolle. "Sind schon welche da?", fragt er noch. Jäger schaut aus dem Fenster. Da stehen die ersten Ost-Berliner vor dem Schlagbaum und schauen ebenso ratlos wie er selbst.

Heike und Hans-Jürgen Legler hingegen sitzen in diesem Moment, und gut noch dazu. Das Pankower Lokal Stilbruch ist etwas Besonderes, man muss lange vorher reservieren. Die beiden Ingenieure wollen hier den 29. Geburtstag von Heike Legler feiern, ihre beiden kleinen Kinder sind bei Oma und Opa. Gegen 21 Uhr verlassen sie das Restaurant und fahren nach Hause, um den Sekt zu köpfen. "Im Radio haben wir kurz etwas von Grenzöffnung und Ausreise gehört", erzählt Hans-Jürgen Legler, "aber wir konnten es nicht zuordnen."

Kaum daheim angekommen, klingelt es an der Tür. Ein Freundespaar will mit den beiden anstoßen. Doch plötzlich ist der Geburtstag Nebensache. Um 21 Uhr 45 gibt es Nachrichten im Fernsehen, und da werden die Neuigkeiten vermeldet.

Völkerwanderung zur Grenze

"Ich hatte Gänsehaut", sagt Heike Legler, und noch heute muss sie schlucken, wenn sie an diesen Moment denkt. Dass "die Luft knistert", hätten sie schon im Sommer im Urlaub an der Ostsee gespürt. Aber dass es so schnell gehen könnte ...

Das Quartett braucht nicht lange zu überlegen, man springt ins Auto der Freunde, und schon geht es Richtung Bornholmer Straße zum Grenzübergang nach West-Berlin. Die vier sind nicht die Einzigen. "Es war eine Völkerwanderung", sagt Hans-Jürgen Legler. Viele schleppen gleich ihre gepackten Koffer mit. Wer konnte damals schon ahnen, dass in eineinhalb Stunden die Grenzen für immer offen sein würden.

Harald Jäger ahnt es zu diesem Zeitpunkt auch nicht. Seine Position ist allerdings deutlich unbequemer als die der Leglers. Minütlich können seine 16 Untergebenen sehen, wie die Menschenmenge vor dem Schlagbaum anwächst. Zunächst waren es nur wenige Menschen gewesen, die sich an den Schlagbaum gewagt hatten. "Schabowski hat doch gesagt, wir dürften sofort ausreisen. Ihr sagt doch immer, was die Partei sagt, ist richtig" , erklären sie.

Jäger ruft wieder seinen Vorgesetzten an. Der rät ihm: "Schick die Leute weg." Doch das geht nicht mehr. Jede Straßenbahn, die an der Grenze hält, bringt Nachschub. "Macht das Tor auf, macht das Tor auf", skandiert die Menge.

Jäger weiß nicht, was er tun soll. Seit 28 Jahren - so lange es die Mauer gibt - ist er bei den Grenztruppen, seit dem Jahr 1964 im Dienst der Staatssicherheit. Und jetzt das! Eine absolut prekäre Situation, aber kein Befehl von oben. Undenkbar eigentlich.

Er telefoniert wieder mit seinen überforderten Vorgesetzten, die sind von Schabowskis Mitteilungen auch kalt erwischt worden und drehen den Spieß um. "Hat der Genosse Jäger etwa Angst? Ist er der Situation nicht gewachsen?" wird der Grenzer gefragt.

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Noch 25 Jahre später ist Jäger über diese Unterstellung von Feigheit empört: "Ich habe 28 Jahre lang meinen Dienst getan und werde für blöd verkauft." In diesem Moment zerbricht 1989 etwas in ihm. Doch zunächst reißt er noch während des Telefonats das Fenster auf und hält den Telefonhörer hinaus. "Macht das Tor auf! Lasst uns raus!" Auch seine Vorgesetzten können es nun hören. Jäger wird immer nervöser: "Ich hatte Angst, dass es zu einer Massenpanik kommt. Oder, dass einer meiner Leute die Nerven verliert und schießt."

Inzwischen sind auch die Leglers mit ihren Freunden an der Grenze angekommen. Eigentlich wollten sie nur kurz schauen und dann wieder nach Hause fahren. Doch der Ausnahmezustand zieht sie in den Bann.

Hans-Jürgen Legler drängt sich mit seiner Fotokamera zu den Grenzgebäuden durch, steigt auf eine Mülltonne und schießt Fotos. Was er dann, gegen 22 Uhr 30 sieht, sieht, kann er zunächst nicht glauben. Er rennt zurück zum Auto und ruft: "Die lassen welche in den Westen!"

Es ist die so genannte "Ventillösung", mit der die Grenzer versuchen, Druck aus dem Kessel zu nehmen. Denn irgendwann an diesem Abend bekommt Jäger doch noch eine Anweisung: Er soll diejenigen, die vor dem Schlagbaum am lautesten schreien, rausfischen und hinüberlassen.

Allerdings ist dafür ein übler Trick vorgesehen: Die "Störer" bekommen ihren Ausreisestempel quer über das Passfoto. Sie sind damit ausgebürgert, hätten nicht wieder einreisen dürfen. Das missfällt Jäger, denn: "Ausbürgerungen bedurften eigentlich eines Gerichtsverfahrens." Doch er lässt weiter stempeln, Befehl ist Befehl.

Es dauert nicht lange, da steht ein junges Ehepaar wieder vor ihm - eines der Ersten, das rübergehen durfte. Nach ein bisschen Westluft Schnuppern wollen die beiden wieder zurück. Kein Problem für die Frau. Der Mann jedoch, einer der "Lautstarken", hat den Stempel quer über dem Passfoto und darf nicht wieder einreisen.

Die beiden können es nicht fassen, weinen, berichten von ihren schlafenden Kindern zu Hause, und dass sie doch nur mal "kurz gucken wollten". Es ist wieder so ein Moment, in dem Jäger das alles am liebsten nicht mehr mitmachen will. Er lässt beide zurück in den Osten.

Die "Ventillösung" geht ohnehin "völlig in die Hose". Als die Menge sieht, dass einige Auserwählte plötzlich rüber dürfen, lässt sie sich noch weniger abwimmeln, sondern drängt noch lauter, es ihnen gleichtun zu dürfen.

Von den Grenzanlagen ist nichts mehr zu sehen. Harald Jäger steht vor einem Bild, das an die ersten DDR-Bürger auf ihrem Weg in den Westen erinnert.
Dazu gehörten auch Heike und Hans-Jürgen Legler.

Jäger ist im größten Gewissenskonflikt seines Leben. Er hat geschworen, die Grenze zu verteidigen. Wenn er sie jetzt eigenmächtig öffnet, ist das Hochverrat und Befehlsverweigerung, er könnte ins Stasi-Gefängnis nach Bautzen kommen.

Da blickt er auf ein sehr starkes und eigentlich stabiles Gitter vor dem Schlagbaum. Es wird vom Druck der Masse bereits ausgebeult. "Da wusste ich, wenn wir jetzt nichts tun, endet es schrecklich", sagt er. Kurz vor 23 Uhr 30 schließlich gibt er den Befehl: "Macht den Schlagbaum auf."

Die Leglers sehen das zunächst gar nicht, es sind zu viele Menschen davor. Aber sie hören unglaublichen Jubel aufbranden, und dann geht alles ganz schnell. Plötzlich setzen sich auch die rund zehn Autos vor ihnen in Bewegung und rollen Richtung Grenze. Heike Legler will unbedingt den Strich am Boden sehen, der Ost und West teilt. Sie schafft es nicht: "Ich war zu aufgeregt."

Dass sie die Grenze tatsächlich passiert haben, merken sie an der Sektflasche, die ihnen von Unbekannten ins Auto geworfen wird und am grellen Licht, das das Fahrzeug erfasst. Das Westfernsehen wartet schon. Freund Sigi - am Steuer - kann vor lauter Tränen nicht sprechen. Also gibt Hans-Jürgen von der Rückbank Auskunft, erklärt, dass sie "kurz mal einen Fuß auf Westberlin setzen wollen", dann aber wieder zurückfahren werden.

Einmal zum Ku'damm

"Guck mal, Mama und Papa sind im Fernsehen", ruft Leglers kleine Tochter, als die Szene am nächsten Morgen im TV gezeigt wird. Oma Legler ist geschockt, sie glaubt zunächst, ihr Sohn und ihre Schwiegertochter seien abgehauen. Aber die wollen "nur" bis zum Ku'damm und zum Brandenburger Tor. Um vier Uhr morgens kehren sie berauscht wieder heim.

Harald Jäger trinkt in dieser Nacht keinen Sekt, obwohl er immer wieder welchen angeboten bekommt. 20.000 Menschen ziehen über seine Grenze, die es plötzlich nicht mehr gibt. Bevor Jäger sich in einem Raum zum Heulen zurückzieht, um "das Schrecklichste und Schönste", das er je erlebt hat, zu verdauen, ruft er noch Oberst Rudi Ziegenhorn an und berichtet ihm: "Ich habe die Kontrollen eingestellt, wir konnten die GÜST (Grenzübergangsstelle) nicht mehr halten." Sein Vorgesetzter sagt nicht viel, nur: "Ist gut, mein Junge."

Nach der Wende wird Jäger arbeitslos, schlägt sich mit Zeitungsverkäufen, Lieferfahrten für Tiefkühlware und als Wachmann durch. Er lebt heute zurückgezogen mit seiner Frau in Brandenburg, fühlt sich aber nicht als Wendeverlierer: "Ich habe mehr gewonnen als verloren."

Als Held, wie ihn manche nennen, sieht er sich nicht. Aber er sagt: "Ich bin stolz, dass kein Blut geflossen ist. Es hätte auch anders kommen können." Seine erste Reise in den Westen hat er 1991 gemacht, sie hat ihn auf die dänische Insel Bornholm geführt. (Birgit Baumann, DER STANDARD, 8.11.2014)

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