Atemberaubende und unheilvolle Eisriesen

7. November 2014, 17:15
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"Los arados de Dios", Pflugscharen der Götter, heißt Frank Thiels Ausstellung in der Galerie Krinzinger

Kohlefarbene Adern durchziehen das bläulich schimmernde Weiß. Eine schier unendliche Ebene aus eisigen Spitzen, rau und kristallin die Oberfläche. Tiefe Furchen und Spalten verschatten den erhabenen Koloss aus Eis: Der deutsche Fotograf Frank Thiel hat die Monumentalität des Perito-Moreno-Gletschers in Patagonien in ebensolche Bilder transferiert: Gut mannshoch, bisweilen annähernd drei Meter breit kann eine seiner Fotografien, die aus mehreren digitalen Aufnahmen zusammengefügt wird, schon einmal sein.

Thiel, dessen auf Reisen 2011 und 2012 entstandene Arbeiten derzeit in der Galerie Krinzinger zu sehen sind, zeigt aber nicht nur die majestätischen Eisklippen wie sie gut 70 Meter über die Wasseroberfläche des Lago Argentino ragen und ab und zu in dramatischen Naturschauspielen abbrechen. Er zeigt die 200 Quadratkilometer große und 30 Kilometer lange Eiszunge - die Pflugscharen der Götter (der Ausstellungstitel folgt dieser Umschreibung von Naturforscher Jean Louis Agassiz) - auch in Aufsichten: Ohne Maßstab wird das Eismeer dann zur dimensionslosen Struktur, die beinahe an die letzten, vereisten und von Rußschleiern überzogenen Schneereste erinnert.

Ein trübsinniger Vergleich. Diese Melancholie bringt uns jedoch näher an das heran, was Thiels Fotos ausmacht: Zwischen 2004 und 2008 widmete er sich dem Palast der Republik, dessen Abriss und abgetragenen Einzelteilen. Strukturen wie Stahlbetongitter oder blühender Putz, nahsichtig und von ornamentaler Ästhetik, finden bei Thiel ins Bild, ein Fokus, dem etwas Konservatorisches anhaftet.

Überträgt man diesen oft frontalen, ebenso respektvollen wie analytischen und staunenden Blick auf Architektur, auf den Verfall und Umbau seiner Stadt Berlin auf die Gletscherserie, wird klar, dass es Thiel nicht um den atemraubenden Blick auf das jahrtausendealte Eis geht. Wie bei den Betonriesen, den urbanen Gerüsten, geht es auch hier um den Verfall, um die Bedrohung des Einmaligen. Um Abschied. Um ein umweltpolitisches Unheil, das sich in berührend schöne und mit Details verführende Fotos kleidet. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 8./9.11.2014)

Bis 14. 11., Galerie Krinzinger
Seilerstätte 16, 1010 Wien

  • Erhabenheit und Verfall: Frank Thiels "Perito Moreno, #19"
    foto: frank thiel

    Erhabenheit und Verfall: Frank Thiels "Perito Moreno, #19"

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