Wahrheit und Manipulation

7. November 2014, 17:22
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Wie Meinung manipuliert wird: die Ausstellung "Schichten" von Nasan Tur im Kunstraum Innsbruck

Innsbruck - 2013 waren die Augen der Weltöffentlichkeit auf einen Park in Istanbul gerichtet. Die Gezi-Park-Protestbewegung erhob ihre Stimme gegen die zunehmend repressive Führung unter Premier Erdogan. Graffitis und Parolen an den Mauern der Stadt waren ein Medium, den Protest zu transportieren. Die Istanbuler Polizei hatte alle Hände voll zu tun, sie rasch zu übermalen.

Die Übermalungen selbst waren Ausdruck eines staatlichen Gewaltmissbrauchs, indem die Exekutive das Recht auf Meinungsfreiheit und jenes auf Privateigentum der Hausbesitzer vandalisierte. Der Berliner Künstler Nasan Tur (geb. 1974) fotografierte die grauen Farbflächen und brachte sie jetzt 1:1 an Galeriewände in Innsbruck.

Police Paintings (2014), ein Transfer der politischen Unterdrückung in einen öffentlich getragenen Repräsentationsraum, ist ein zynischer Kommentar auf die Kunst und ihre Rezeption. Gleichzeitig stellt Tur die Frage, ob durch diesen Transfer auch produktive und sachliche Diskussionen über die Darstellung politischer Unterdrückung und die gesteuerte öffentliche Meinung entstehen können.

Die Art und Weise, wie wir wahrnehmen und wie Meinung kontrolliert wird, steht auch im Zentrum der Videoarbeit Magic (2013). Sie zeigt die Hände eines Zauberkünstlers, der Dinge verschwinden und wieder auftauchen lässt. Es handelt sich um politisch und symbolisch aufgeladene Objekte: die israelische sowie palästinensische Flagge, eine Coca-Cola-Dose und ihre antiimperialistischen Pendants Samsam Cola (Iran) und Cola Turka (Türkei) oder eine Dollar-Banknote.

Wenn sich eine US-amerikanische Zeitung in den Händen des Zauberers zu einer arabischen verwandelt wird deutlich, dass ein und dieselbe Sache von mehreren Seiten betrachtet werden kann, dass Wahrheiten gemacht, transformiert und manipuliert werden.

Mit Nasan Turs Ausstellung Schichten wird im Kunstraum Innsbruck das internationale Programm dezidiert aktueller politischer Positionen fortgesetzt. (Robert Gander, DER STANDARD, 8./9.11.2014)

Kunstraum Innsbruck, bis 24.1.

  • Die Hände eines Künstlers lassen Dinge verschwinden und wieder auftauchen in der  Videoarbeit "Magic" (2013) von Nasan Tur.
    foto: nasan tur / kunstraum innsbruck

    Die Hände eines Künstlers lassen Dinge verschwinden und wieder auftauchen in der Videoarbeit "Magic" (2013) von Nasan Tur.

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