Jesidische Frauen als Trophäen der IS-Miliz

Reportage9. November 2014, 09:00
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Bis zu tausend jesidische Frauen sind im Irak und in Syrien in der Hand der radikalislamischen Miliz "Islamischer Staat"

Wien/Erbil – Es kursieren Preislisten. 130 Dollar für eine junge Frau, Jesidin oder Christin, 180 Dollar für ein Kind – unter zehn Jahren. Die Terrormiliz IS überlässt entführte Frauen und Kinder gegen Bezahlung an ihre Kämpfer. Für Frauen, die über Umwege freigekauft werden konnten, wurden 3.000 Dollar bezahlt. Laut offiziellen Angaben sind 500 bis 700 jesidische Frauen in der Hand der IS. Nilüfer Koc vom Kurdischen Nationalkongress in Erbil schätzt, dass es tausend sind. Ihre Lage ist dramatisch: Sie sind systematischen Vergewaltigungen ausgesetzt, werden an IS-Kämpfer "verheiratet", werden weiterverkauft, viele von ihnen wurden getötet.

"Wir haben versucht, diese Frauen zurückzukaufen", berichtet Koc. Über die kurdisch-islamischen Parteien im irakischen Teil Kurdistans wurde in Mosul und Tel Hafar Kontakt zu arabischen Geistlichen und Stammesführern aufgenommen. Man habe versucht, die Frauen über arabische Stammesführer, denen die Frauen von der IS verkauft worden waren, zurückzuholen. "Die kurdische Regierung hat sich bereiterklärt, das Geld zu bezahlen, auch die PKK, die KDP, alle Parteien waren bereit, das Geld zu zahlen. Koste es, was es wolle", erzählt Koc.

foto: wolf-dieter grabner
Einige Frauen, die von der Terrormiliz IS entführt worden waren, konnten fliehen oder sind zurückgekauft worden.

Gescheiterter Handel

Am Anfang habe das auch funktioniert, arabische Stammesführer hätten die Frauen an die Kurden weiterverkauft. Koc: "So sind ein paar Frauen zu ihren Familien zurückgekommen. Als die IS das erfahren hat, hat sie das wieder eingestellt. Das ist also gescheitert, wird sind da leider nicht zum Erfolg gekommen. Wir hätten auch die gefangenen IS-Kämpfer gegen die Frauen eingetauscht, aber darauf ist die IS nicht eingegangen."

Koc: "Wir wären bereit, sie zu kaufen. Aber die IS hat das Angebot nicht angenommen, sie haben gemeint, diese Frauen seien ihre Kriegstrophäe. Sie sind der Meinung, dass sie mit diesen Frauen machen können, was sie wollen: verkaufen, umbringen, heiraten."

foto: wolf-dieter grabner
Opfer des Krieges: Jesidische Familien sind in einem Flüchtlingslager im kurdischen Teil Syriens gestrandet. Unter den Flüchtlingen befinden sich besonders viele Kinder.

Einige Frauen, denen die Flucht gelang, sind in Rojava, im syrischen Teil Kurdistans, untergebracht. Die Frauen sind traumatisiert, die jüngste ist erst 14. Sie berichten nicht nur von ihren eigenen Erlebnissen, sondern auch von den anderen Frauen, deren Schicksal sie mitbekommen haben. Besonders junge und hübsche Frauen seien von der Gruppe getrennt und von den Kommandanten in Besitz genommen worden. Andere wurden weiterverkauft, offenbar auch außerhalb des Irak und Syriens. Im Flüchtlingslager in Raweste hat das Gerücht die Runde gemacht, dass Frauen auch nach Afghanistan verkauft worden seien.

Beschmutzung der Ehre

Dramatisch ist aber auch die Situation jener Frauen, die zurückgekauft wurden oder fliehen konnten: Oft genug werden sie von ihren eigenen Familien verstoßen. Koc: "Eine Vergewaltigung wird als Beschmutzung der Ehre des Mannes und der Familie angesehen. Viele Frauen haben nach ihrer Rückkehr Selbstmord begangen."

Koc erzählt von einer Frauendelegation, mit der sie zu Baba Schaich, einem der höchsten geistlichen Führer der Jesiden, ins Lalisch-Tal gereist war. "Wir haben ihn gebeten, einen Aufruf an die jesidische Gesellschaft zu machen, damit diese Frauen nicht sozial isoliert werden. Viele, die zurückgekommen sind, werden als schmutzig angesehen und von ihren Familien verstoßen."

Baba Schaich gab daraufhin eine Erklärung ab, in der er festhielt, dass Selbstmord eine Sünde sei. Er forderte die Familien auf, die Frauen mit Respekt wiederaufzunehmen.

Sexuelle Gewalt

Sozdar Awesta, hochrangige Kommandantin der PKK und selbst Jesidin, sagt: "Die IS akzeptiert keine andere Religion. Mit der Entführung und Vergewaltigung der Frauen versucht man diese religiösen Minderheiten gezielt einzuschüchtern." Die IS setze sexuelle Gewalt als Mittel der Kriegsführung ein: "Man will dieses Volk brechen."

foto: wolf-dieter grabner
Essensausgabe im Lager bei Raweste: Gedränge beim Lastwagen, besonders den Kindern ist jede Abwechslung willkommen.

Kommandantin Adar hat selbst am Sindschar-Gebirge gekämpft, die Bilder der Leichen verfolgen sie. Ganze Leichenfelder hat es hier gegeben. Wer der IS entkommen ist, war in den Bergen der Sonne ausgesetzt, viele sind verdurstet. Adar war selbst daran beteiligt, jenen Korridor freizukämpfen, durch den die Jesiden in syrisches Gebiet in Sicherheit gebracht werden konnten. Mittlerweile ist dieser Korridor wieder zu, die IS hat hier die Kontrolle übernommen und bedroht jene 1.000 Familien, die noch in den Bergen eingeschlossen sind. Adar schickt neue Kämpfer hin, aber die Situation scheint verzweifelt zu sein. Die bewaffneten Auseinandersetzungen haben in den letzten Tagen wieder an Heftigkeit zugenommen

Auf der Flucht

foto: wolf-dieter grabner
Fast 50.000 Jesiden sind aus ihrem ursprünglichen Siedlungsgebiet geflohen. Im Lager versucht man mit einer Schulklasse so etwas wie einen Alltag herzustellen.

Etwa 50.000 Jesiden haben in der Gegend von Mosul oder in Dörfern um das Sindschar-Gebirge gelebt, sie sind fast zur Gänze auf der Flucht. 7.500 sind in einem Flüchtlingslager in Syrien untergebracht, 30.000 jenseits der Grenze auf irakischer Seite. Wenige Tausend haben die Region Richtung Europa verlassen. Darüber, wie viele getötet wurden, liegen keine gesicherten Zahlen vor.

Während die Situation im syrischen Lager den Umständen entsprechend annehmbar erscheint, gab es im zweiten, größeren Lager auf irakischer Seite bereits mehrere Aufstände. Das Lager ist mit einem hohen Zaun mit Stacheldraht umzäunt und gleicht einem Gefängnis. (Michael Völker, DER STANDARD, 7.11.2014)

Hintergrund:

Im irakischen und syrischen Teil Kurdistans leben etwa 500.000 Jesiden – oder lebten, bis zum Angriff der Terrorgruppe Islamischer Staat. Die meisten von ihnen sind auf der Flucht.

Das Jesidentum ist eine Religion, die angeblich älter ist als das Christentum. Die Jesiden werden auch Sonnenanbeter genannt, weil sie bei Sonnenaufgang und -untergang zur Sonne beten. Es ist eine monotheistische Religion, die nicht auf einer heiligen Schrift beruht, sondern durch mündliche Überlieferung und überwiegend durch Lieder weitergegeben wird.

Im Zentrum des jesidischen Glaubens steht der Engel Melek Taus, der Scheich Adi (um 1073 bis 1163) erschienen ist. Dessen Grab im irakischen Lalisch-Tal ist das Hauptheiligtum und Ziel einer jährlichen Wallfahrt. Der Ursprungsmythos besagt, dass die Jesiden direkt von Adam abstammen, noch bevor Eva geschaffen wurde. Daraus leiten die Jesiden den Anspruch ab, die ältesten Menschen und in ihrer Entstehung einzigartig zu sein.

In der jesidischen Theologie fehlt die Personifizierung des Bösen, weil Gott schwach wäre, würde er eine zweite Kraft neben sich dulden. Nach jesidischer Ansicht ist der Mensch in erster Linie selbst für seine Taten verantwortlich.

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