Österreich kann Großforschung "sehr, sehr gut"

7. November 2014, 13:04
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Expertendiskussion zur Verhältnismäßigkeit von "Generationenprojekten" - Androsch spricht von "preaching to the derrisch"

Wien - Will man visionäre Projekte angehen, brauche es oft große Strukturen, in denen auch kleine Länder ihren Platz haben: So lautete der Tenor einer Experten-Diskussion bei einer von APA-Science, der Wissenschaftsplattform der APA - Austria Presse Agentur, veranstalteten Podiumsdiskussion zum Thema "Big Science - Wie gut kann Österreich Großforschung?" am Donnerstag in Wien.

Beispiel Rosetta

Hypothesen darüber, wie es auf einem Kometen aussieht, könnten auch einzelne Wissenschafter sozusagen im stillen Kämmerlein aufstellen. Zum "Nachsehen" brauche es aber die Zusammenarbeit vieler Forscher und den Einsatz großer Ressourcen, was natürlich "nicht ganz billig" sei, erklärte Wolfgang Baumjohann, Direktor des Instituts für Weltraumforschung IWF der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Anspielung auf die aktuelle Rosetta-Mission.

Baumjohann und seine Kollegen sind an der insgesamt etwa 1,3 Milliarden Euro teuren "Rosetta"-Mission beteiligt. Wie umfangreich ein solches Vorhaben ist, zeigt sich auch an Dauer und Umfang: der Projektstart erfolgte schon vor etwa 20 Jahren und bis dato zählt man um die 1.000 beteiligte Wissenschafter und Techniker. Über die Verhältnismäßigkeit von Aufwänden für solche "Generationenprojekte" könne man diskutieren. "Die Menschen sind aber bereit, für solche Forschung etwas auszugeben, weil es sie interessiert", zeigte sich Baumjohann überzeugt.

Stolz auf CERN

Institutionen wie das Europäische Kernforschungszentrum CERN brauchen einfach viele Ressourcen, betonte auch der Vorsitzende des Rats für Forschung und Technologieentwicklung (RFT), Hannes Androsch, in seinem Impulsreferat. Beteiligung an Großforschung bringe die Möglichkeit, nachhaltig an der internationalen wissenschaftlichen Community anzudocken. In solchen Vorhaben sei ein besonderer Forschungsgeist spürbar, von dem kleinere Länder profitieren. Vor diesem Hintergrund plädierte Androsch einmal mehr dafür, die seit einigen Jahren "anhaltende Stagnation" im Wissenschaft- und Bildungsbereich in Österreich endlich zu überwinden. Er habe mittlerweile aber den Eindruck, dass dieser Appell bei der Politik meist ungehört bleibt. Es fühle sich manchmal an, wie "preaching to the derrisch", so der RFT-Chef.

Dass sich unsere Gesellschaft so etwas wie das CERN überhaupt leistet, erfüllt den Chef des eng mit dem Kernforschungszentrum verbundenen Instituts für Hochenergiephysik (HEPHY) der ÖAW, Jochen Schieck, mit Stolz. Angesichts des ebenso stolzen Jahresbudgets von ungefähr einer Milliarde Euro, wird auch an die Betreiber der größten Maschine der Welt immer wieder die Frage der Verhältnismäßig- und Sinnhaftigkeit gestellt. Auch hier gelte: Dem Ursprung der Materie kann man nicht anders auf den Grund gehen. Will man darüber mehr wissen, brauche es einfach solche Strukturen. "Die Entdeckung des Higgs-Teilchens gibt uns auch irgendwie Recht", betonte Schieck.

Langfristiger Nutzen

Wo Österreich an solchen Großprojekten beteiligt ist, zeige sich, "dass wir Großforschung sehr, sehr gut können", erklärte der im Wissenschaftsministerium u.a. für Großforschungseinrichtungen federführend zuständige Beamte Daniel Weselka in Anlehnung an den Titel der Veranstaltung. Der Nutzen von "Big Science" sei jedoch nicht immer einfach zu kommunizieren. Auf lange Sicht verändere der Pioniergeist der Grundlagenforschung aber die gesamte Gesellschaft und spiele eine wichtige Rolle dabei, junge Menschen für Forschung zu begeistern und zum Studieren zu motivieren. Klar sei, dass konkrete Anwendungen mancher Erkenntnisse oft lange brauchen, um im Alltag anzukommen. Bis aus Erkenntnissen der Quantenphysik Arbeitsplätze wurden, habe es 50 bis 60 Jahre gedauert, führte Weselka ins Treffen.

Langen Atem brauchen auch die Projektverantwortlichen des "Human Brain Project" (HBP) - einem der höchst dotierten und ambitioniertesten europäischen Forschungsprojekte. Der Leiter der Abteilung Experimentelle Psychiatrie an der Medizinischen Universität Innsbruck, Alois Saria, ist einer jener Forscher, die sich das Ziel gesetzt haben, in den kommenden zehn Jahren mehr oder weniger das gesamte Wissen über die Abläufe im menschlichen Gehirn in eine Computersimulation zu packen. Dazu müssen 112 beteiligte Institutionen koordiniert, viele wissenschaftliche Interessen berücksichtigt und der Einsatz von Fördermitteln in der Höhe von bis zu einer Milliarde Euro organisiert werden. Ein solches Projekt brauche Visionäre und könne logischerweise nicht in kleinem Rahmen durchgeführt werden.

"Big Dig" in Ephesos

Das gilt auch für die seit 1895 stattfindenden österreichischen Grabungen in Ephesos, erklärte die Direktorin des Österreichischen Archäologischen Instituts (ÖAI), Sabine Ladstätter. Bei diesem "Big Dig" in der Türkei handelt es sich schon lange nicht mehr um ein rein österreichisches Unterfangen, beteiligen sich doch mittlerweile alljährlich um die 250 Wissenschafter aus 18 bis 20 Ländern. Auch in der Archäologie gelte: Großartige Hypothesen können auch von Einzelforschern oder kleinen wissenschaftlichen Unternehmungen ausgehen, "Ephesos kann man aber nicht alleine ausgraben", betonte Ladstätter. Die Zukunft gehöre vermutlich zu einem großen Teil solchen interdisziplinären Teams an der Schnittstelle zwischen Geistes- und Naturwissenschaften, erklärte die Wissenschafterin des Jahres 2011. (APA, derStandard.at, 7. 11. 2014)

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