Krankenkassen wollen Polypharmazie zum Thema machen

7. November 2014, 12:31
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Bewusstseinsbildung bei Ärzten und Patienten soll verstärkt werden - Allgemeinmediziner erhalten Brief mit ihrer "Polypharmazie-Quote"

All zu viel ist ungesund. Das gilt auch für die medikamentöse Therapie. Mit der Zahl der speziell für Mehrfach-Kranke verschriebenen Wirkstoffe steigt das Interaktions- und Nebenwirkungsrisiko. Der Hauptverband der Sozialversicherungsträger will jetzt bei Patienten und Ärzten für mehr Problembewusstsein sorgen und startet eine Informationskampagne.

Hauptverband-Generaldirektorstellvertreter Alexander Hagenauer unterstrich Donnerstagabend bei einem Hintergrundgespräch die Dimension des Problem: "In Österreich haben in einem Quartal rund 700.000 Menschen mehr als fünf Wirkstoffe verschrieben bekommen. Rund 158.000 Menschen bekommen mehr als zehn Wirkstoffe verordnet." In der ersten Gruppe sind 75 Prozent der Betroffenen älter als 60 Jahre, in der zweiten 80 Prozent in dieser Altersgruppe.

Broschüren für Patienten und Ärzte

Edith Brandner von der Wiener Gebietskrankenkasse ergänzte dies mit einer Auswertung für die Versicherten in der Bundeshauptstadt: "Im zweiten Quartal dieses Jahres lag die Polypharmazie-Quote (mehr als zehn Wirkstoffe durch Ärzte rezeptiert; Anm.) bei fünf Prozent." Das betraf unter den WGKK-Versicherten rund 21.000 Patienten.

Beim Hauptverband der Sozialversicherungsträger hat man deshalb mit Broschüren/Foldern für Patienten und Ärzte jetzt eine Informationskampagne aufgesetzt. Alle Allgemeinmediziner bekommen in nächster Zeit auch die erste Ausgabe eines Briefes mit ihrer "persönlichen" Polypharmazie-Quote, das bedeutet den Anteil ihrer Patienten mit mehr als zehn Wirkstoffverschreibungen. Das soll laut dem Obmann der Salzburger Gebietskrankenkasse (SGKK), Andreas Huss, und dem beratenden Arzt des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger und Ärztlichen Leiter des Wiener Hanuschkrankenhauses, Klaus Klaushofer, nicht als Drohung oder Ankündigung von Kontrollen, sondern als Mittel, dienen, einfach in der täglichen Praxis mehr Augenmerk auf das Problem zu legen.

Mangelnde Zeit

Die Aktivitäten setzen allerdings, auch wenn manche Allgemeinmediziner ebenfalls an dem Problem beteiligt sein dürften, wohl in den meisten Fällen erst am Ende des Weges in die Polypharmazie ein. Oft sind "zu lang ausgefallene" Arzneimittelverschreibungen nach Spitalsaufnahmen und nicht koordinierte Verschreibungen verschiedener aufgesuchter Fachärzte die Ursache. In einzelnen Krankenhäusern gibt es hier schon klinisch tätige Pharmazeuten, welche gemeinsam mit den behandelnden Ärzten die Medikation optimieren.

Alle Bemühungen, die Polypharmazie in Grenzen zu halten - bei Mehrfachkranken oft auch gar nicht radikal möglich - stoßen aber auch in der Praxis Kassen-Hausärzte auf das Alltagsproblem mangelnder Zeit. SGKK-Obmann Huss betonte, dass bei notwendiger Betreuung von "100 bis 120 Patienten" während einer Ordinationszeit, der dafür erforderliche "Aufwand nicht immer möglich ist".

Das ändert aber nichts an dem grundsätzlichen Problem. Trotz Leitlinien-gerechter Therapie bei einem Patienten vorliegender mehrfacher Erkrankungen, kann gerade daraus das Problem von vermehrten Arzneimittelinteraktionen und Nebenwirkungen entstehen. Die Geriatrie-Spezialistin Regina Roller-Wirnsberger (MedUni Graz) wies darauf hin, dass es vor allem bei hochbetagten multimorbiden Patienten darum gehe, ein Optimum an Lebensqualität zu erreichen - nicht um Beherrschung aller einzelnen Krankheitsbilder um jeden "Nebenwirkungs-Preis". (APA, 7.11.2014)

  • Mit der Zahl der verschriebenen Wirkstoffe steigt auch das Interaktions- und Nebenwirkungsrisiko.
    foto: dpa-zentralbild/matthias hiekel

    Mit der Zahl der verschriebenen Wirkstoffe steigt auch das Interaktions- und Nebenwirkungsrisiko.

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