Wer in die Sonderschule geht, wächst isoliert auf

Userkommentar11. November 2014, 09:05
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Die Mutter eines Kindes mit Trisomie 21 schreibt über ihre Einstellung zu Sonderschulen und spricht sich für Inklusion aus

"Integration ja, aber es braucht sonderpädagogische Betreuung", sagte Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) in der letzten Landtagssitzung. Er kenne persönlich Fälle, wo Inklusion nicht möglich sei.

Hier widerspreche ich und möchte schildern, wie man sich für Inklusion begeistern kann, als Mutter, die von ihrer Tochter mit Trisomie 21 begeistert ist.

Manchmal hilft die Überlegung, was sich die eigene Mutter für uns selbst gewünscht hat, wie unser Leben aussehen möge, und ich erlaube mir die Annahme, dass Einsamkeit nicht ein typischer Wunsch war.

Einsamkeit und Isolation

Genau darauf steuern aber Sonderschulen hin. Wer in die Sonderschule geht, wächst isoliert auf. Während die anderen Kinder aus der Nachbarschaft einander aus dem Kindergarten kennen, dann weiter aus der Volksschule, sie sich im Park, auf der Straße und im Geschäft treffen und miteinander spielen, kennt den Schüler der Sonderschule kaum jemand.

Neue Sichtweisen lernen

Und man ist gehemmt im Umgang, Erwachsene noch mehr als Kinder, denn: Man hat nicht gelernt zuzuhören, wenn jemand nicht sehr klar spricht, man hat nicht gelernt zu warten, wenn jemand langsamer ist, man hat einfach nicht gelernt unvoreingenommen zu sein. Wo Kinder in voller Inklusion beschult werden wird diese auch in der Freizeit, im Alltag ganz selbstverständlich gelebt und für diese Kinder sind Hemmschwellen einfach nicht vorhanden. Eltern lernen hier oft von ihren Kindern - wie wir alle von Kindern in vielen Bereichen - eine ganz neue Sichtweise.

Wie ein Kind mit Trisomie 21 in den USA aufwächst

Meine Tochter mit Trisomie 21, auch bekannt als Down Syndrom, ist in den USA geboren und ich habe Behindertenrechte, Inklusion, Akzeptanz und vieles mehr dort gelernt. Vor der Geburt eines Kindes mit einer "Abweichung von der Norm" hatte ich mich mit dem Thema wenig beschäftigt. Ich schaue nicht für alles über den Ozean und verherrliche, aber Behindertenrechte und ihre Akzeptanz sind wesentlich besser dort als hier.

Täglich lerne ich auf Behindertenplattformen, wie Behinderte ihre "Teilhabe an der Gesellschaft" (Inklusion gem. UN-Behindertenrechtskonvention) organisieren und planen und gestalten wollen. Es geht doch im 21. Jahrhundert nicht an, dass ein Teil der Gesellschaft einem anderen Teil vorschreibt, wie das eigene Leben zu gestalten sei. Jeder von uns will doch sein Leben individuell gestalten, nicht mehr oder weniger wünsche ich mir für meine Tochter. Dasselbe, was die meisten Eltern sich für ihre Kinder wünschen.

Teil der Gesellschaft sein

Für Inklusion spricht, dass Kinder, die akademisch nicht dem Lehrplan folgen werden können, aber im Klassenverband unterrichtet werden, in jener Gesellschaft vorhanden sind, nicht ausgesperrt sind, in die sie hineinwachsen, von der sie ein Teil sind, aus der sie nicht ausgeschlossen werden dürfen.

Eine ganze Generation könnte mit der Selbstverständlichkeit aufwachsen, dass jemand nicht mit Augen sieht, nicht mit der Zunge spricht, nicht mit Füßen geht, dass jeder unabhängig davon einen Wert hat, weil er wertvoll ist; dass jeder von uns etwas gut kann, irgendetwas kann jeder gut, und das es nicht schadet, auf das Positive zu fokussieren, anstatt auf Mängel.

Es nützt einem Erwachsenen wenig, wenn er sein persönliches Höchstpotenzial erreicht hat (Argument: beste Förderung in Sonderschulen), und dieses dann in einer leistungsorientierten Gesellschaft noch immer zu wenig wert ist, sodass es wenig Jobangebote gibt, wenig Freundschaften gibt, viel Einsamkeit gibt für Menschen, die von einer recht eng definierten Norm abweichen.

Vorbehaltlos umgehen mit Andersartigkeit

Wir müssen als Kinder lernen, wie wir einander vorbehaltlos begegnen, dass jeder sein darf, wie er ist, dass abwerten und ausgrenzen und verurteilen und schlecht machen und so weiter uns als Gesellschaft nicht gut tun. Wollen nicht alle Eltern, dass ihre Kinder sein dürfen, wie sie sind – z. B. ohne Hänseleien (wenig zumindest). Dann ist egal, ob man aus der Stadt oder vom Land kommt, aus dem hintersten Tal oder dem tiefsten Graben oder vom höchsten Berg, ob die Eltern viel oder wenig Geld haben, wer welche Mode trägt und wer nicht, etc...

Wir leisten uns als Gesellschaft in Österreich wirklich viele Dinge, die nicht lebensnotwendig sind und das ist auch schön so. Gegen Inklusion wird oft die Unmöglichkeit der Finanzierung erwähnt. Es mangelt eigentlich doch wirklich nicht am Geld, oder? (Maggie Rausch, derStandard.at, 7.11.2014)

Maggie Rausch ist Mutter einer Tochter mit Trisomie 21.

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