Lena Dunham einer vergangenen Zeit

6. November 2014, 17:03
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Werner Schneyder mit "Lieben, Wein und Leben - Meine Lieder" am Wiener Burgtheater

Wien - Werner Schneyder ist 1937 geboren, hat also schon einige Zeit auf diesem Planeten verbracht. Das ermöglicht es ihm zum einen, schon eine veritable Liste an ausgeübten Tätigkeiten vorzuweisen: Schneyder ist Kabarettist, Autor, Regisseur, Schauspieler, Liedtexter und Sportjournalist. Diese diversen Talente befähigen ihn, in Kombination mit einer gewissen Menge an gelebtem Leben, auch dazu, einen ganzen Abend singend und reimend aus diesem Leben zu erzählen - so, wie er es nun in einem Gastspiel am Wiener Burgtheater unter dem Titel Lieben, Wein und Leben - Meine Lieder tat.

In gut zwei Stunden arbeitete er sich dort durch seinen Lebenslauf. Und das gründlich: Von frühesten Kindheitserinnerungen bis zu dem, was er sich als seine Beerdigung imaginiert, hakt er in den selbstverfassten Texten zu Liedern von Jacques Brel, Arthur Lauber oder seinem Klavierspieler Christoph Pauli alles ab, was so anfällt auf dem Weg von der Jugend zum Alter. Er singt von den Ängsten eines kindlichen Fußballtormanns, großen Lieben, verlockenden Sommern, von reichlich Alkoholgenuss und den Niederungen des Zwischenmenschlichen.

Das Publikum lässt er an den eigenen Fähigkeiten teilhaben, indem er etwa anhand von George-Gershwin- und Cole-Porter-Liedern darlegt, wie man richtig und stimmig ins Deutsche übersetzt. Aber auch seine Schwächen, sein Versagen verheimlicht Schneyder an diesem Abend nicht, vielmehr weiß er auch diese in Sympathien umzumünzen. Selbst die Texthänger, die ihn dazu nötigen, die Lesebrille aufzusetzen und im Textbuch zu blättern, werden mit warmem Applaus honoriert.

Schließlich geht es hier um das Glück des Menschendaseins ebenso wie um dessen geradezu erniedrigende Banalitäten. Fast könnte man Schneyder als die Lena Dunham einer vergangenen Zeit sehen: Genau wie die Girls -Autorin nobilitiert er die Peinlichkeiten, die einem im Leben unterlaufen. Christoph Pauli, den man aus Fernsehshows durchaus auch als Mann mit Freude an einer gewissen Extravertiertheit kennt, begleitet ihn dabei zurückhaltend und einmütig am Klavier. Das Publikum lohnt es beiden mit begeistertem Applaus. (hein, DER STANDARD, 7.11.2014)

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