Social Media: Karmasin sieht keine Bestätigung für entpolitisierte Jugend

6. November 2014, 15:07
posten

Medienwissenschafter: Politische Agenden in sozialen Netzwerken "anders organisiert und vorgetragen"

Wien - Vielerorts wird angesichts des Medienwandels und veränderten Nutzerverhaltens vor allem junger Menschen über den Zustand der Demokratie diskutiert. Dass sich keine simplen Schlüsse ziehen lassen, betonte Medienwissenschafter Matthias Karmasin im APA-Gespräch. Die "Narration der entpolitisierten Jugend" durch Social Media und Co lasse sich anhand aktueller Daten nicht bestätigen.

Am Donnerstag startet unter dem Titel "Medienwandel - Wandel der Demokratie? Das demokratische Potenzial der Social Media" in Wien eine zweitägige Konferenz. "Diese Debatte hat es ja schon beim Internet gegeben", erklärte Karmasin im Vorfeld der Veranstaltung, "und diese Hoffnung auf partizipative Durchdringung der Gesellschaft hat sich nun bei Social Media wiederholt." Zwar habe sich das Prinzip der Egalität vielerorts nicht erfüllt. "Die Gleichung, Social Media seien apolitisch und behandeln nur Vernetzung, Lifestyle oder private Angelegenheiten, greift allerdings zu kurz."

Andere Formen der Partizipation

Anlass der Konferenz ist das 20-jährige Bestehen des Instituts für vergleichende Medien- und Kommunikationsforschung, dessen Direktor Karmasin ist. Aus seiner Sicht würden Social Media politisches Engagement durchaus "ermöglichen und fördern". Allerdings stelle sich die Frage, was man konkret darunter versteht. "Was Politik ist, unterscheidet sich im Altersschnitt der Bevölkerung und entfernt sich dementsprechend von klassischen Formen politischer Partizipation."

In Ländern mit einer so hohen politischen Organisationsdichte wie Österreich werde das von manchen Akteuren "als Verfalls- und Verlustgeschichte gesehen", unterstrich der Medienwissenschafter. "Das heißt aber nicht, dass die Leute unpolitisch sind." Vielfach geht es in sozialen Netzwerken um politische Agenden, die aber "anders organisiert und vorgetragen werden". So ließen sich teils Parallelen zu Markenkommunikation, Werbung oder anderen Formen der Öffentlichkeitsarbeit erkennen.

Politik nicht zentral steuerbar

Geht es um die Einschätzung des politischen Potenzials von Social Media, ließen sich unterschiedliche Perspektiven erkennen. Werde der Wahlkampf von US-Präsident Barack Obama als Beispiel herangezogen, zeichne sich an anderes Bild ab als bei europäischen Wahlkämpfen, wie der Medienexperte zu bedenken gibt. "Dass die Vermittlungsform Politik sich auch an Social Media orientieren muss, ist aber unbestritten. Die Teilnahme an Politik ist vielfältiger und vielschichtiger geworden." Die "Zentralfantasie" steuerbarer politischer Funktionen gehöre der Vergangenheit an.

Das könne durchaus als "bedrohliche Entwicklung" wahrgenommen werden, so Karmasin. "Bei der Bewertung von Wandel kommt es immer darauf an, auf welcher Seite man steht. Der Standort bestimmt den Standpunkt. Einige sehen es als bedrohlich, komplex, beängstigend an, andere sehen die Chancen." Auch das Parteienspektrum in Österreich sei ein Beispiel dafür, wie unterschiedlich man mit diesen neuen Kanälen umgehen könne.

Grundsätzlich habe der "Wandel der Medienlogik" in den vergangenen Jahren "Veränderungen für viele Bereiche der Gesellschaft, von Sport über Wissenschaft und Politik bis zu Wirtschaft und Kunst", mit sich gebracht, wie Karmasin festhielt. "Die Durchdringung der Gesellschaft mit Medien" sei ein charakteristisches Merkmal - und betreffe etwa auch den Arbeitsmarkt, werde der Umgang mit Medien teils doch als "selbstverständlich vorausgesetzt". Nicht nur deshalb benötige es eine "Förderung von Medienkompetenz, Medienkritik, auch im Kontext politischer Bildung". Mediendemokratie ohne entsprechende Kompetenzen ist laut Karmasin "nicht zu denken". (APA, 6.11.2014)

Share if you care.