"Call of Duty: Advanced Warfare" im Test: Big Bang für Popcorn-Helden

Rezension9. November 2014, 12:00
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Sledgehammers Debütwerk bringt frischen Wind und Hollywood in die Serie

Sich an einem verregneten Sonntag einen Hollywood-Action-Blockbuster eingemummt auf der Couch reinzuziehen, während die nasse Kälte an die Fensterscheiben klopft, ist für manch einen, um nicht ganz viele zu sagen, ein herzerwärmendes Gefühl. Als ob die Raum und Retina erhellenden Explosionen, die Irrfahrten an entlegenste Orte, die Maschinengewehrsalven und im Minutentakt herausgedroschenen Plattitüden ein physisch wirkendes Heilmittel für die unbequeme Wettersituation wären.

In der äquivalenten Videospielkategorie der sinnfreien Action-Unterhaltung macht keine Produktion dem jüngsten Teil der Shooter-Serie "Call of Duty" etwas vor. "Advanced Warfare" ist ein ruhelos inszenierter Adrenalinrausch, der Spieler in einem Panzerglaswagon auf eine Achterbahnfahrt durch markerschütternde Gefechte jagt und mit der Vorhersehbarkeit einer Schienenstrecke so wirklich jeden zum Helden macht. Von den Kritikern als Schießbude für Gelegenheitsspieler geächtet, steckt mittlerweile sehr viel Können in dieser Unterhaltungskunst.

Liebesgrüße aus der Zukunft

Die Reise startet im Jahr 2054 in den Schuhen des Soldaten Jack Mitchell, der für die US-Marine gegen das in Südkorea einfallende Nordkorea kämpfend verstümmelt wird. Für sein Land nicht mehr einsetzbar, bekommt er bei der größten Armee der Welt der ATLAS Corporation eine neue Chance. Unter der Obhut des CEOs Jonathan Irons wird er mit bionischen Gliedmaßen wiederhergestellt und als High-Tech-Söldner zurück in den Dienst geschickt. Nun eben nicht mehr für ein Land sondern den Meistbietenden. Mitchell, personifiziert von Games-Schauspielerliebling Troy Baker, mimt neben dem von Kevin Spacey verkörperten Irons den treu kämpferischen Ersatzsohn und erfüllt jeden Befehl des mächtigsten aller Kapitalisten.

Durchschaubar wie die transparenten Visiere der Supersoldaten wird man in eine skandalöse Intrige verstrickt, die Irons frei nach James-Bond-Romanen als ultimativen Bösewicht erstrahlen lässt. Die Geschichte ist seicht, das Ende etwas lau, aber die über weite Strecken handwerklich astrein agierenden Akteure basierend auf einer technisch beeindruckenden Inszenierung halten einen am Ball. Eher ein Novum für die Serie und es hat schon etwas, wenn ein Oscar-Preisträger einen zur Hölle schickt. Ebenso steht der Geschichte gut, dass sie als Kapitalismuskritik weitgehend auf Pathos und US-typischen Vaterlandsstolz verzichtet.

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Keine Atempause

Was "Advanced Warfare" abseits des Star-Charmes aber vor allem gut gelingt, ist den Spieler auf Trab zu halten. In den fünf Stunden der Kampagne wird man über den halben Globus geschickt, schlüpft dabei mit Jump-Pack bis Greifarm fast jedes Mal in andere Gefechtsmontur des Exoskeletts, steuert einen Gleiter, einen Kampfroboter und einen Panzer genauso wie einen Düsenjet und Drohnen und wählt mit der Inprovisationsfreude eines guten DJs aus dem brachialen und futuristischen Waffenschrank. Die Szenarien von der Infiltration in ein Firmengebäude bis zur offenen Schlacht auf der Golden-Gate-Brücke wechseln im Minutenrythmus. Man zielt, schießt, das Trommelfell erzittert ob der einschüchternden und exzellent digitalisierten Geräuschkulisse und die Augen erfreuen sich an den Explosionsorgien. Während andere Genrevertreter ("Destiny", "Halo 4" kommen in den Sinn) einen immer wieder die gleichen Routinen und Levelabschnitte durchlaufen lassen, hält sich der fortgeschrittene Krieg nicht mit einmal Gesehenem auf. Die Helden haben keine Zeit zu verschnaufen und so wird auch den Sinnen keine Atempause gegönnt. Es sind fünf kurze, aber fünf voll ausgeschöpfte, mitreißende Stunden.

An der Hand geführt

Natürlich ist alles Schall und Rauch und wehe dem, der hinter die Fassaden dieser Zaubertricks, dieser Illusion zu blicken wagt. Während die offenen Konzepte eines "Destiny" oder "Halo" von der individuellen Herangehensweise leben, wird man bei "Call of Duty" - und bei "Advanced Warfare" behüteter denn je - an der Hand genommen und durch die Wirren des Krieges geführt. Mitstreiter laufen Schleichpassagen vor und sagen einem, wann man den Tarnanzug aktivieren muss, damit man nicht verloren geht oder in einen feindlichen Trupp hineinläuft. Die Wahl der Ausrüstung wird automatisch festgelegt, damit man auch ja das Jump-Pack umgeschnallt hat, wenn man große Sprünge zurückzulegen hat. Auf Wunsch visiert die Waffe fast von allein Gegner an, Munition ist praktisch nie Mangelware. Selbst die Granaten finden dank Zukunftstechnologien diesmal schon selbst ihr Ziel.

Taktik außer Abwarten ist nie gefragt und mit der magischen Kraft digitaler Steuerungshilfen kann auch jeder Laie ein Kampfflugzeug durch den zusammenstürzenden Canyon leiten. Die Wege sind selbst dort vorgetrampelt, wo man es nicht vermuten mag. Jede Szene ist getriggert und jeder Abschnitt von durchsichtigen Mauern abgegrenzt. Der Anspruch geht abseits einer auf den höheren Schwierigkeitsgraden geforderten Hand-Augen-Koordination gegen Null, doch lässt man sich auf dieses spektakuläre Pappe-Universum mit seiner Schaufensterkonzeption ein, ist es ein bleigeschwängerter Genuss. Dann verzeiht man auch verwirrte künstliche Intelligenzen, die hilflos in die Schussbahn laufen und sieht darüber hinweg, dass Kameraden manchmal umsonst ihr Magazin in Feinde entleeren oder nach einer Granatexplosion wie durch ein Wunder unverletzt wieder aufstehen.

Frischer Wind

Diese Linearität dient spielerisch letztendlich dazu, die vielen neuen Fähigkeiten für den pfeilschnellen Mehrspielermodus einzustudieren. Die Kräfte des Exoskeletts bringen, meterhoch springend und wie Batman mit dem Greifarm über Dächer schnellend, viel frischen Wind in das bewährte Run-and-Gun-Gameplay für bis zu 2 Spieler offline und 18 Spieler online. Traditionelle Kartenlayouts erlangen so in den ein dutzend unterschiedlichen Modi von Capture-the-Flag bis zu kooperativen Einsätzen gegen anstürmende Gegnerwellen für den Close-Combat-Shooter ungekannte Dimensionen. "Advanced Warfare" schlägt damit eine Brücke zu modernen Genrewerken wie "Titanfall", ohne jedoch die eigene Identität zu verlieren. Ballistische Flugbahnen und jegliche reale Komplexität, wie es "Battlefield"-Freunde schätzen, werden gegen ein umso flotteres und erbarmungsloseres Abschießen getauscht, bei dem es wenig Raum für Verstecken gibt.

Für konstante Motivation sorgen die unzähligen Upgrades für jede Waffe und die Exo-Fähigkeiten. Neue Gerätschaft wie Energiegewehre können direkt am virtuellen Schießstand getestet werden. Kontinuierliche Waffenladungen sorgen dafür, dass man immer wieder neue und exotische Fabrikate ausprobieren darf.

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Besser gerüstet

Spannend ist nicht zuletzt das neue technische Gerüst hinter "Advanced Warfare". Es ist das erste Werk der Serie von Activisions neuem Studios Sledgehammer Games und nutzt eine eigens entwickelte Engine, die die Ressourcen aktueller Konsolen (PS4, XBO) und PC deutlich besser ausschöpft, als die Letztjahresproduktion "Ghosts". Bei der Kampagne wurde ein guter Mix aus hochgerechneten Zwischensequenzen und einer Fokussierung auf das Wesentliche im Spiel gefunden. Die Schauspieler kommen, wenngleich die Augen noch merklich ins Leere starren, auch als Polygone lautstark zur Geltung (es hilft der Überschaubarkeit und Identifikation enorm, dass es die Autoren diesmal bei einem Protagonisten belassen haben). Und Spezialeffekte und Beleuchtung wandeln selbst bekannte Schauplätze in glaubhafte Zukunftsszenarien. Im Einzelspieler- wie Mehrspielermodus bleiben die rasanten Schusswechsel zumindest auf den neuen Konsolen stets flüssig spielbar - nicht nur ambitioniertere E-Sportler danken es. (>>> Mehr zu den technischen Unterschieden zwischen PS4 und XBO sowie zu den Konfigurationen für PC)

Blockbusterei

Mit "Advanced Warfare" ergründen "Call of Dutys" Story-Verstrickungen nach zehn vorangegangenen Teilen immer zielsicherer das Terrain des absoluten Mainstream-Gamings. Die Kampagne nahm Spieler immer schon an die Leine, doch diesmal wurde sie mit einem Abwechslungsreichtum und einem omnipräsenten Bösewicht beschenkt, die einem in Erinnerung bleiben. Schockierten vormalige Serienableger noch ganz gerne, ist es diesmal ganz bewusst seichte, aber gute Action-Kost für die angesprochenen verregneten Tage.

Gleichzeitig hat die erstmals dreijährige Entwicklungszeit insofern gut getan, das Gameplay - ganz dem Branchentrend entsprechend - um neu fordernde Bewegungsmuster zu erweitern. Die langsam aber sicher perfektionierte Geradlinigkeit der Einzelspielermissionen wird vermutlich ebenso einigen nicht gefallen, wie die Neuerungen beim ungebremst adrenalintreibenden Multiplayer. Beides dürfte gleichzeitig aber viele neue Fans für sich gewinnen. Ein Big Bang für Popcorn-Helden. (Zsolt Wilhelm, derStandard.at, 9.11.2014)

"Call of Duty: Advanced Warfare" ist für PC, PS4, XBO sowie für PS3 und X360 erschienen. Alterseinstufung: ab 18 Jahren. UVP: ab 59 Euro

  • "Call of Duty: Advanced Warfare" ist für PC, PS4, XBO sowie für PS3 und X360 erschienen. Alterseinstufung: ab 18 Jahren. UVP: ab 59 Euro
    screenshot: call of duty: advanced warfare

    "Call of Duty: Advanced Warfare" ist für PC, PS4, XBO sowie für PS3 und X360 erschienen. Alterseinstufung: ab 18 Jahren. UVP: ab 59 Euro

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