Alltagsrassismus in Tirol: "Woher kimmschn du wirklich?"

Userkommentar6. November 2014, 14:43
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Ein Tiroler Student hat es satt, daran erinnert zu werden, "koa Da-iger" zu sein. Denn es sollte nur darum gehen, wer man ist, und nicht, woher man kommt

Bisserl Österreicher. Bisserl nicht. Bisserl dünkler. Bisserl bärtig. Bisserl politisch. Bisserl blad. Diese paar bisserl bin ich. Ich wurde vor 22 Jahren in ein Land geboren, wo sich der Horizont zwischen dem Arlberg und Kufstein aufzuspannen scheint und alles, was darüber hinaus stattfindet, eh schon bei den Tschuschen passiert. Mein Tirol.

Meine Heimat: Tirol

Mein Vater stammt aus Hochfilzen, einem kleinen Dorf ganz im Osten Tirols an der Grenze zum Salzburger Land. Meine Mutter kommt aus Santiago de Chile, einer Stadt, in deren Agglomeration in etwa so viele Leute leben wie in ganz Österreich. Ich komme aus Innsbruck. Tirol ist meine Heimat, auch wenn Leute, die den Begriff Heimat für sich persönlich ein wenig anders definiert haben, das nicht ganz wahrhaben und akzeptieren wollen.

Mit 16 Jahren kam ich einmal ins Gespräch mit einem älteren Herrn, der seines Erachtens enthusiastischer Tiroler war. Er sprach mich auf der Straße an und fragte mich:

"Woher kimmschn du?"
"Aus Innschbruck", antwortete ich ihm, ohne jemals ernsthaft darüber nachgedacht zu haben, dass das anders sein könnte.
"Na. Glab i da nit", entgegnete er mir und fügte noch eine zweite Frage hinzu, die mich seit nun gut sechs Jahren verfolgt:
"Woher kimmschn du wirklich?" Ich schluckte.
"Immerno aus Innschbruck!"
"Woher kimmt dei Vata?"
"Tirol."
"Dei Muata?"
"Chile."
"Han is decht gwisst. I sog da oans, Bürschl, Tiroler isch ma erscht ab da drittn Generation."

"Woher kimmschn du wirklich?" ist seitdem zu einer Standardfrage geworden, die stets gestellt wird, wenn die Antwort "Tirol" auf die Frage "Woher kimmschn du?" als nicht ausreichend erachtet wird. Und was ich am meisten an dieser Frage hasse, ist das verlegene Grinsen in den Gesichtern der Fragenden, die gar nicht wissen, wie wenig ihre Frage zu einem identitätsstiftenden Aufwachsen beiträgt.

Es wird schlimmer

Und es wird schlimmer in letzter Zeit. Vor einem Monat sagte ein Herr mittleren Alters unaufgefordert "Schleich di zruck in die Heimat, du Tschusch" zu mir. Letzte Woche teilte mir einer beim Ausgehen mit, dass er mich "Scheiß Moslem" abstechen werde. Dabei versuche ich ja, wie ein Tiroler auszusehen. Mit meinem Bart versuche ich mich Andrä Hofer anzunähern, nicht Abu Bakr al-Baghdadi.

Es tut weh

Es tut weh, ständig ausdrücklich daran erinnert zu werden, dass man "koa Da-iger" sei. Und wie sich das für jemanden anfühlen muss, der wirklich nicht von hier ist und alles daransetzt, in diesem "schönen" Land Anschluss zu finden, kann ich mir gar nicht vorstellen. Wie muss es Leuten gehen, die höchst traumatisiert aus Syrien und anderen Staaten geflüchtet sind und dann in Fieberbrunn von irgendwelchen Trotteln, die sich in der Dorfdisco zu "Dem Land die Treue" mit einem "Neger" (Weizenbier mit Cola) Mut ansaufen, mit vermeintlichen Handfeuerwaffen und rassistischen Parolen bedroht werden? Aber mei, sind doch eh alles nur dumme Jugendstreiche. Sicher.

Die Frage ist letztendlich eben nicht "Woher kimmschn du wirklich?", sondern "Wer bischn du wirklich?". Und wer du wirklich bisch, mei Tirol, taugt mia eppa goa nit. (David Arnold, derStandard.at, 6.11.2014)

David Arnold (22), in Innsbruck geboren, studiert Umwelt- und Bioressourcenmanagement an der Universität für Bodenkultur in Wien. Sein Lieblingseis ist Stracciatella.

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  • Ständig ausdrücklich daran erinnert zu werden, "koa Da-iger" zu sein, tue weh, sagt David Arnold nach dem Angriff auf ein Asylheim im Tiroler Ort Fieberbrunn.
    foto: apa/expa/ jfk

    Ständig ausdrücklich daran erinnert zu werden, "koa Da-iger" zu sein, tue weh, sagt David Arnold nach dem Angriff auf ein Asylheim im Tiroler Ort Fieberbrunn.

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