Multiple-Sklerose-Haus: "Hier fragt keiner, warum alles langsamer geht"

Reportage6. November 2014, 14:22
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Multiple Sklerose ist eine Erkrankung, bei der die Nervenleitungen zerstört werden. Das verursacht Probleme. Im Tageszentrum der Caritas Socialis wird der Alltag trainiert. Dazu gehören gemeinsame Aktivitäten: Kochen, Massagen, aber auch Shopping

Wien - Es ist Dienstagmorgen, ein frisch gebackener Germgugelhupf wird angeschnitten, daneben sitzt eine Runde und spielt Karten, im Nebenraum werden auf Liegen gerade Beine gedehnt und Füße massiert. Was nach Kur aussieht, ist Alltag im Multiple-Sklerose-Tageszentrum in Wien-Landstraße. Hier betreut die Caritas Socialis 63 Menschen zwischen 32 und 86 Jahren, die an einer schweren Verlaufsform von multipler Sklerose leiden.

Neben dem Fördern der Selbstständigkeit steht das Miteinander im Mittelpunkt. Zuletzt gab es ein Herbstfest, von dem noch der geschnitzte Kürbis zeugt. "Es ist ein Gesamtpaket aus Betreuung, Therapie, Freizeit und Information", sagt Ramona Rosenthal, Leiterin des Tageszentrums in der Oberzellergasse.

Probleme beim Sehen, Gleichgewichtsstörungen, das Gefühl, Arme und Beine seien eingeschlafen, manchmal Schwierigkeiten beim Sprechen, Krämpfe und Lähmungserscheinungen: Mit diesen Beschwerden kommen Menschen hierher. MS ist eine neurologische Erkrankung, die schubweise und manchmal auch leicht verläuft. Heilbar ist die chronische Entzündung der Myelinscheiden der Nervenfasern zwar nicht, mittels Medikamenten lässt sich der Verlauf aber verzögern.

Wenn der Alltag nicht mehr bewältigt werden kann, bieten Rosenthal und ihr Team Unterstützung, wochentags von 8 bis 16 Uhr, wenn nötig auch an fünf Tagen pro Woche.

Seit fünf Jahren ist man hier voll ausgelastet, auch Wartelisten gibt es. "Warum die Leute so gern zu uns kommen? Weil hier niemand fragt, warum sie etwas langsamer sind, merkwürdig sprechen oder gehen, als ob sie betrunken wären", sagt Rosenthal. Im Tageszentrum soll das Gefühl vermittelt werden: Ich kann noch etwas machen, ich bin etwas wert.

Autonomie bewahren

Rosenthals vierzehnköpfiges, multiprofessionelles Team will Patienten ihre größte Angst nehmen - die vor dem Autonomieverlust. Um diesem vorzubeugen, sind sechs Physio- und zwei Ergotherapeuten im Einsatz, die neben der Mobilität auch das Sich-selber-Spüren trainieren. Für Rollstuhlfahrer, die etwa zwei Drittel der Tageszentrum-Besucher ausmachen, gibt es ein Gerät zum Training von ansonsten wenig beanspruchten Muskeln. "Die Bewegungstherapie ist für viele der Hauptgrund, hierherzukommen. Hier geht das ohne bürokratischen Aufwand, denn wir sorgen für alles, von der Bewilligung bis zur Abrechnung", sagt Rosenthal.

In der Ergotherapie gehe es vor allem um Alltagsaktivitäten und Handlungskompetenz im Alltag. Aber auch um kognitives Training wie die Merkfähigkeit, Konzentration und Ausdauer sowie "Fatigue-Management", ist doch rasche Ermüdbarkeit für die meisten ein großes Problem. Mit regelmäßi- gen Pausen, etwa auf einer der Liegen und bequemen Couchsesseln hier, und dem richtigen Zeitmanagement kann man aber gegensteuern.

Bald nach Kaffee und Kuchen - der übrigens, wie vieles hier, von den "Tagesgästen" selbst zubereitet wird - beginnt die tägliche Gesprächsrunde, in der persönliche Themen wie Beziehung, Ängste und Spiritualität diskutiert werden. "Diese Gruppe ist heiß begehrt, weil die Menschen sehen, dass sie mit ihren Problemen nicht allein sind. Oft finden die Tagesgäste auch gemeinsam zu Lösungen", sagt Rosenthal. Auch Musiktherapie und Logopädie werden angeboten - für die, die wollen. Verpflichtend ist außer einer Untersuchung beim Neurologen bei der Aufnahme nichts.

Hürden nehmen lernen

Für die meisten stehen ohnehin die alltäglichen Tätigkeiten wie etwa das gemeinsame Einkaufen im Vordergrund: "Eben alles, was auch Gesunde machen, die sich aber Menschen mit MS nicht mehr allein trauen", sagt Rosenthal. Sozialmedizinische Belange wie etwa das Ausstellen eines Behindertenausweises, GIS-Befreiung, Pflegegeld oder Reha-Anträge werden ebenfalls im Tageszentrum von Sozialarbeiterinnen der MS-Gesellschaft Wien erledigt.

Gegen 16 Uhr leert sich das Tageszentrum wieder - wer kann, macht sich zu Fuß oder öffentlich auf den Heimweg, ein guter Teil wird mit dem Fahrtendienst nach Hause gebracht.

"Wer interessiert ist, wird zu einem Erstgespräch eingeladen, nach einem Erwartungsabgleich kann die Aufnahme mittels Bewilligung durch den Fonds Soziales Wien erfolgen", sagt Rosenthal. In den 17 Jahren, die sie im MS-Tageszentrum arbeitet, wurde noch nie jemand abgelehnt. (Florian Bayer, DER STANDARD, 6.11.2014)

  • Fitness ist wichtig für den MS-Patienten. Muskeln dehnen und Verspannungen wegmassieren sind Teil des Tagesprogrammes.
    foto: heribert corn

    Fitness ist wichtig für den MS-Patienten. Muskeln dehnen und Verspannungen wegmassieren sind Teil des Tagesprogrammes.

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