Internationale Kommission soll Licht in NS-Stollen bringen

6. November 2014, 07:11
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Grazer Boltzmann-Institut für Kriegsfolgenforschung startet Überprüfung angeblich neuer Erkenntnisse rund um das Projekt "Bergkristall"

Linz – Eine Antwort auf die umstrittene Frage, ob die Stollenanlage des einstigen NS-Rüstungsprojekts "Bergkristall" in St. Georgen an der Gusen tatsächlich größer als bisher bekannt ist, wird nun auf höchster wissenschaftlicher Ebene gesucht. Das renommierte Grazer Ludwig Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung wird sich der heiklen Sache nun annehmen und die angeblichen neuen Fakten rund um das unterirdische NS-Rüstungsprojekt eine strengen wissenschaftlichen Überprüfung unterziehen.

"Wir werden eine international besetzte Kommission einsetzen, die im kommenden halben Jahr die Geschichte von 'Bergkristall' neu aufrollt - vor allem unter Berücksichtigung der neuen Indizien. Es braucht jetzt eine fundierte wissenschaftliche Aufarbeitung", erläutert der Historiker Stefan Karner, Leiter des Ludwig Boltzmann-Institutes für Kriegsfolgen-Forschung, im Gespräch mit dem Standard.

Hintergrund für die Bewegung am Wissenschaftssektor sind die Recherchen des oberösterreichischen Filmemachers Andreas Sulzer. Dieser will unter anderem in einem Gutachten der "Studiengesellschaft für Atomenergie GmbH" aus dem Jahr 1968 konkrete Beweise für weitere Stollenebenen gefunden haben – DER STANDARD berichtete. Sulzer untermauert diese These auch mit historischen Fotos, die etwa mehrere übereinander liegende Stolleneingänge zeigen.

Expertenrunde zum Thema

Wenig beeindruckt zeigte sich davon aber eine hochkarätig besetzte Expertenrunde, die am Mittwochnachmittag in der Bezirkshauptmannschaft Perg zur "causa prima" tagte. Fast fünf Stunden berieten unter anderem Barbara Glück, Leiterin der Abteilung für KZ-Gedenkstätten und Kriegsgräberfürsorge im Innenministerium, Vertreter des Bundesdenkmalamtes, der Bundesimmobiliengesellschaft (BIG), der Wiener Historiker Bertrand Perz, die Bürgermeister von St. Georgen und Luftenberg und der Perger Bezirkshauptmann Werner Kreisl über die jüngsten Entwicklungen und mögliche Folgeschritte. Sulzer selbst war für eine Stunde eingeladen, seine Erkenntnisse zu präsentieren.

"Herr Sulzer hat heute im Rahmen einer Power Point Präsentation seine Annahmen vorgestellt, Die Expertenrunde konnte daraus unmittelbar keine neuen Erkenntnisse gewinnen, die über ihren bisherigen Wissenstand hinausgehen", bilanzierte Bezirkshauptmann Kreisl nach der Elefantenrunde im Standard-Gespräch. Vor allem zeigte sich Kreisl von Filmemacher Sulzer enttäuscht: "Er ist der Einladung, seine Unterlagen den Experten zur Verfügung zu stellen, leider nicht nachgekommen."

Keine Einladung

Was Sulzer auch nicht bestreitet, aber: "Einziger Zweck war offensichtlich, dass ich meine jahrelangen Recherche-Ergebnisse bei der Kommission abliefere und mich wieder verabschiede. Auf meinen Vorschlag, dass bei der Prüfung der Unterlagen ich oder zumindest ein Vertreter meines Teams dabei sein sollte, ist man nicht eingegangen." Vonseiten der Expertenrunde wurde Sulzer aber dennoch noch einmal eingeladen, seine Unterlagen "innerhalb der nächsten Woche" vorzulegen.

Spannend war am Mittwoch übrigens auch der Umgang mit Medien: Während klar war, dass die Sitzung der Experten nicht öffentlich sein wird, rechnete wohl keiner der anwesenden Journalisten damit, gänzlich der Bezirkshauptmannschaft Perg verwiesen zu werden. Bezirkshauptmann Kreisl sperrte mit der Begründung "am Mittwochnachmittag sind keine Amtsstunden" kurzerhand "hausfremde" Personen vor die BH-Türe. Und den Teilnehmern am Runden Tisch wurde ein Gespräch mit Journalisten quasi behördlich untersagt: Kommentieren durfte die Runde nämlich nur der Herr Bezirkshauptmann persönlich. (Markus Rohrhofer, derStandard.at, 6.11.2014)

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