Mitch McConnell: Ein Taktierer mit einer Miene, aber vielen Gesichtern

Kopf des Tages5. November 2014, 18:02
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Der baldige neue Mehrheitsführer der Republikaner im US-Senat hat sich in mehr als 30 Jahren in der Politik als wandelbarer Machtmensch erwiesen

In der Stunde des Triumphs schlägt Mitch McConnell salomonische Töne an. Er steht vor einem Meer geschwenkter Sternenbanner in einem Hotelsaal in Louisville, neben ihm seine Frau Elaine Chao, einst die Arbeitsministerin George W. Bushs, und skizziert die neue politische Landschaft. Einerseits sei sie die alte: "Ich erwarte nicht, dass der Präsident morgen früh aufwacht und die Welt völlig anders sieht, und er weiß, das gilt auch für mich." Andererseits, fügt er versöhnlicher hinzu, nur weil Amerika ein Zweiparteiensystem habe, "muss das nicht bedeuten, dass wir uns im Dauerkonflikt zu befinden haben".

Spätestens seit 1984, als er zum ersten Mal einzog in die Kammer, wollte er den Senat auf Capitol Hill leiten. Selbst Freunde sagen ihm nach, dass er die Lebenslust eines Leichenbestatters verströmt - die Lippen ein dünner Strich. Doch das Pokerface, es ist sein Markenzeichen. Alec McGinnis, Redakteur der linksliberalen New Republic, charakterisiert ihn in einer Biografie als anpassungsfähigen, schwer zu enträtselnden Machtmenschen, der stets auf der Höhe des Zeitgeists war, je nachdem, woher der gerade wehte.

Vom Zentristen zur "konservativen Revolution"

Begonnen hat der heute 72-Jährige seine Karriere bei den Republikanern als Mann der Mitte. Als Ronald Reagan zu seiner "konservativen Revolution" blies, hielt er sich zunächst an Gerald Ford, einen Zentristen alter Schule. Sehr bald bewegte er sich nach rechts: In den 1990er-Jahren gehörte er zu den Strategen an der Seite Newt Gingrichs, des Sprechers im Repräsentantenhaus, dessen robuster Kollisionskurs den Präsidenten Bill Clinton in Verlegenheit bringen sollte.

Später kämpfte er gegen Gesetzespläne seiner Kollegen John McCain und Russ Feingold, die den Politikeinfluss des Geldes zurückdrängen sollten. Nach der Wahl Barack Obamas wurde McConnell so etwas wie das Gesicht der Blockade, die den Politikbetrieb Washingtons lähmt - verhasst bei den Demokraten; nicht beliebt, aber geschätzt, vielleicht auch gefürchtet in den eigenen Reihen.

Auf dem Höhepunkt des Ringens ums Schuldenlimit, das die USA im Sommer 2011 dicht an den Abgrund der Zahlungsunfähigkeit führte, zeigte er wochenlang kompromisslose Härte - worauf ihn Kolumnisten das "böse Genie" nannten. Dem Senator soll der Ausdruck gefallen haben, er sei stolz gewesen auf sein taktisches Geschick, hieß es. Welchen McConnell das Land nun erlebt, darauf möchte im Moment niemand eine Wette abschließen. (Frank Herrmann aus Washington, DER STANDARD, 6.11.2014)

  • Mitch McConnell, Senator aus Kentucky und als Mehrheitsführer bald Obamas republikanischer Gegenspieler.
    foto: epa/mark lyons

    Mitch McConnell, Senator aus Kentucky und als Mehrheitsführer bald Obamas republikanischer Gegenspieler.

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