Vom Rand ins Zentrum

Kolumne5. November 2014, 17:53
53 Postings

Hohe Würdenträger der Republik neigen mitunter nach dem Verlust ihres Amtes zu Labilität, die sie im Extremfall auf die schiefe Bahn geraten lässt

Hat es also Helmut Elsner wirklich schon immer gewusst? Sein vor ein paar Jahren für Aufregung sorgender Befund über Claudia Bandion-Ortner ("Sie ist mit einem sehr einfach strukturierten Geist gesegnet und hat merkwürdige Vorlieben. Ich habe mich immer gefragt, was der ÖVP da eingefallen ist, eine derartige Intelligenzruine ins Kabinett zu holen") wird anlässlich ihrer jüngsten Aussagen zum Thema Saudi-Arabien vielerorts als emotional zugespitzt, aber in der Sache diskutabel empfunden. Auch die Bundesregierung kann sich dieser Debatte nicht entziehen und hat angekündigt, künftig die Tätigkeit des "König-Abdullah-Zentrums für interreligiösen und interkulturellen Dialog", an dem die ehemalige Justizministerin als "stellvertretende Generalsekretärin" wirkt, genau prüfen zu wollen.

Wenn da bloß nicht das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird. Bei aller zu Recht kritisierten Fragwürdigkeit der Propaganda-Institution eines menschenverachtenden Regimes, darf ein wesentliches Argument nicht außer Acht gelassen werden: Hohe Würdenträger der Republik neigen mitunter nach dem Verlust ihres Amtes zu Labilität, die sie im Extremfall auf die schiefe Bahn geraten lässt. Das warnende Beispiel Ernst Strassers sei hier stellvertretend angeführt. Eine Organisation, die solchen, sich durch plötzlichen Machtverlust an den Rand der Gesellschaft gedrängt Fühlenden ein Amt überträgt, in dem diese wieder ihr Selbstbewusstsein stärken und gleichzeitig nur geringen Schaden anrichten können, hat eine sozial-präventive Funktion.

So gesehen könnte man nach dem Vorbild des "König-Abdullah-Zentrums für interreligiösen und interkulturellen Dialog" sogar die Gründung weiterer Institutionen andenken. Hier eine erste Vorschlagsliste:

  • Das "Vikor-Orbán-Zentrum gegen oppositionellen Negativismus, medialen Kontrollverlust und Deregulierung der Meinungsfreiheit". Stellvertretender Generalsekretär: Dieter Böhmdorfer.
  • Die "Cayman-Islands-Foundation zum Schutz der finanziellen Privatsphäre, der künstlerischen Freiheit kreativer Buchhaltung und vor monetärem Rassismus durch Schwarzgeld-Diskriminierung". Chairman offshore the board: Karl-Heinz Grasser.
  • Die "Russisch-chinesisch-kasachische Novomoralic-Holding zur Förderung von Oligarchentum, Demokratie-Eindämmung, Automatenglücksspiel, Hedonismus und Schamfreiheit". Kassier: Alfred Gusenbauer.
  • Die "Silvio-Berlusconi-Stiftung für juristische Amnesie und Verkürzung der Verjährungsfristen". Vizeassistent des dritten Schriftführerstellvertreters: Herbert Scheibner.
  • Die "Kim-Jong-un-Akademie gegen Überbewertung der Realität und Kommunikationszwang". Geschäftsführer in Ruhe: Wolfgang Schüssel.

Angesichts der Überlegung, dass Bandion-Ortner vielleicht den Anstoß zu einem Umdenken geliefert hat, durch das sich so manches tragische Schicksal verhindern ließe, sollte man auch auf sie nicht vergessen. Im Falle ihrer Entlassung durch die Saudis müsste ein neuer Posten im "Wolfgang-Flöttl-Zentrum für digitale Datensicherung und fiktionale Verantwortungsdelegation" eigentlich Ehrensache sein. (Florian Scheuba, DER STANDARD, 6.11.2014)

Share if you care.