Islamgesetz: Liberalität lässt sich nicht erzwingen

Kommentar5. November 2014, 17:36
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Fuat Sanac beklagt, dass der Islam in Österreich unter Generalverdacht geraten ist

Fuat Sanac hat es nicht leicht: Da tritt er als Sprecher der Muslime in Österreich auf, obwohl viele Anhänger des Propheten, der Friede sei mit ihm, von Herrn Sanac nichts wissen wollen. Die meisten Muslime wollen einfach ihr Leben leben, so wie die meisten Christen ihr Leben leben wollen - ohne allzu große Bevormundung durch Imame und Priester, durch Instanzen im Vatikanstaat oder anderen Staaten; inklusive der Republik Österreich - die den Islam nun gesetzlich neu regeln will.

Und Herr Sanac beklagt, was er und die Seinen durch 100 Jahre guten Beispiels hätten verhindern können: dass der Islam in Österreich unter Generalverdacht geraten ist.

Den Muslimen als wahrgenommener Gruppe ist es nicht gelungen, sich durch ihr tägliches Leben als das zu definieren, was Sanac nun anerkannt wissen will: dass sie Bürger sind wie alle anderen. Sie werden aber von der Bevölkerungsmehrheit und der um Stimmen fürchtenden Politik anders erlebt. Sie können sich bei Islamisten und anderen Extremisten aus den eigenen Reihen dafür bedanken.

Sanac hat dennoch um einen Kompromiss für ein neues Islamgesetz gerungen. Vielen Muslimen und ihm selbst passt nun dieser Kompromiss nicht: Da wird eine Einheitsübersetzung des Koran vorgeschlagen - was man bei der Bibel nie fordern würde - und die innere Autonomie der Glaubensgemeinschaft infrage gestellt. So funktioniert das nicht. Eine liberale Religion lässt sich nicht erzwingen. (Conrad Seidl, DER STANDARD, 6.11.2014)

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