Europas Strombranche im Tal der Tränen

Analyse5. November 2014, 17:09
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Stromhersteller inklusive Verbund leiden unter Verwerfungen am Markt - Ruf nach neuem Marktdesign wird lauter

Wien - Ob Eon, EdF oder Verbund: Europas Strombranche geht durch ein Tal der Tränen. Und niemand weiß, wie lang der Weg noch sein wird. Der Speck, den die Stromriesen in den fetten Jahren angesammelt haben, ist großteils weg; nun geht es für viele ans Eingemachte und, wie etwa beim Verbund, um eine Verschärfung des Sparkurses samt Wegfall von 300 weiteren Stellen - der Standard berichtete.

Der Hauptschuldige ist rasch ausgemacht: Deutschland. Jede Weichenstellung, die im größten Einzelmarkt Europas passiert, strahlt aus. Das im Jahr 2000 in Kraft getretene Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) mit attraktiven Förderungen für erneuerbare Energien hat einen Boom bei der Stromerzeugung aus Wind, Sonne und Biomasse bewirkt. Die Strompreise am Großhandelsmarkt sind aufgrund des Überangebots an elektrischer Energie im Keller.

Davon haben in erster Linie Großabnehmer in der Industrie profitiert. Das Paradoxe daran: Je tiefer der Strompreis am Großhandelsmarkt, desto höher fällt die Rechnung für die Haushalte aus. Die müssen die Differenz zwischen Marktpreis und garantierten Einspeisetarifen zahlen.

Die lahmende Konjunktur in Europa kommt noch erschwerend hinzu. Statt mehr Strom wird weniger nachgefragt. Und das, obwohl die von Brüssel verordneten Energieeffizienzprogramme offiziell erst 2015 wirksam werden.

Unrentable Kraftwerke

Viele Kraftwerke, die zum Beispiel mit Gas befeuert werden, sind wegen der Verwerfungen am Markt wirtschaftlich nicht mehr rentabel. Grund ist, dass Gas im Gegensatz zu "Gratisbrennstoffen" wie Wind oder Sonne sehr teuer, der Verkaufspreis für Strom aber tief ist. Die Rufe nach Änderung des Marktdesigns werden daher immer lauter. Mit der EEG-Novelle hat Berlin heuer Signale in Richtung mehr Marktwirtschaft ausgesandt. Dennoch sind EU-weit hunderte Kraftwerke zur Schließung angemeldet worden - allein in Deutschland rund 40.

Nun wird lebhaft diskutiert, ob aus Gründen der Versorgungssicherheit nicht doch etliche Kraftwerke subventioniert werden sollen, damit diese nicht eingemottet werden, sondern bereitstehen, wenn man sie braucht. Frankreich geht in Richtung Kapazitätsmarkt, Großbritannien auch.

Andreas Mundt, Präsident des Deutschen Bundeskartellamts, hält davon wenig, wie er bei einem Wien-Besuch sagte. Europa brauche mehr statt weniger Markt und möglichst einheitliche Regeln.

Die Verschärfung des Sparprogramms beim Verbund beunruhigt die Belegschaft. Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner erwartet, dass der Verbund-Vorstand die Maßnahmen mit dem Betriebsrat abstimmt, sagte er am Mittwoch im Ö1-Mittagsjournal. (Analyse: Günther Strobl, DER STANDARD, 6.11.2014)

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