Erstes Holocaust-Gedenkzentrum Österreichs in Grazer Synagoge

5. November 2014, 14:21
5 Postings

Einrichtung wendet sich vor allem an Schüler und Jugendliche

Graz/Wien - Graz erhält das erste Holocaust-Gedenkzentrum Österreichs. Untergebracht wird das "Holocaust Gedenk- und Toleranzzentrum Steiermark" im Keller- und Obergeschoß der Synagoge Graz, wie Ruth Kaufmann, Präsidentin des Israelitischen Kulturvereins Graz, am Mittwoch in Graz bei der Präsentation des Vorhabens darstellte. Das Zentrum soll im November 2015 eröffnet werden.

Die Zielgruppe

"Das erste Holocaustzentrum Österreichs in der 'Stadt der Volkserhebung', Graz, gedenkt den zahlreichen Opfern der Shoa, berichtet über jüdisches Leben in Vergangenheit und der Gegenwart und vermittelt altersgerecht die sensible Thematik des Holocaust", so Initiatorin Kaufmann über die Zielsetzung des künftigen Zentrum. Als besondere Zielgruppe habe man Schüler und Jugendliche im Auge: Zuletzt sei die Synagoge von rund 5.000 Schülerinnen und Schülern jährlich besucht worden.

"Wir haben uns bemüht, der starken Nachfrage des Lehrpersonals nach einer Vermittlung des Holocaust nachzukommen. Allerdings war uns immer bewusst, dass bei einem so sensiblen Thema dazu eine professionelle Ausstellung und ein fundiertes Konzept notwendig ist", so Kaufmann. Sie stand von 2010 bis 2013 der Spitze der Israelitischen Kultusgemeinde von Steiermark, Kärnten und Südburgenland vor, bis diese im Vorjahr mit jener von Wien und Niederösterreich fusionierte.

Eine fiktive und eine reale Lebensgeschichte

Das "Holocaust Gedenk- und Toleranzzentrum" wird vor allem eine Ausstellung sein, die anhand des Schicksals von zwei Buben in der Zeit zwischen 1938 und 1945 Aspekte des jüdischen Lebens in Graz vor dem sogenannten "Anschluss", die Progromnacht bis zum Massenmord in den Konzentrationslagern darlegt. "Wir erzählen die Geschichte zweier jüdischer Grazer Buben: Daniel und Bertl. Bertl kann fliehen, Daniel muss sich verstecken, wird jedoch verraten und im Konzentrationslager ermordet", schilderte Thomas Szammer, Sohn der Initiatorin, Kulturanthropologe in Wien und Bildungsbeauftragter der IKG Wien.

Während "Daniel" als fiktionale Figur als Symbol für die Millionen Holocaust-Oper steht, handelt es sich bei "Bertl" um eine reale Person, an der das Schicksal der Überlebenden dargestellt wird: Berthold Kaufmann, dem heute 90-jährigen Vater Ruth Kaufmanns, dem 1939 die Flucht aus Österreich gelang und der heute zu den letzten in Graz geborenen jüdischen Überlebenden zählt.

Geplant sind im Zentrum auch Workshops für Schüler und Lehrer, Vorträge, Symposien, die Erstellung von Lehrmaterialien und Forschung über den Holocaust in Kooperation mit Fachstellen. Weiters sollen Gedenkveranstaltungen und Gedenksteine im Außenbereich, die an die ermordeten steirischen Juden erinnern. In Schätzungen wird von 1.700 bis 2.500 Opfern ausgegangen.

Hintergrund

Kaufmann bezifferte die Gründungskosten des Zentrums mit "400.00 bis 500.000 Euro". Das Land Steiermark und die Stadt Graz würden unterstützen, doch sei man auch auf private Gelder aus dem In- und Ausland angewiesen.

In der Pogromnacht vom 9. auf 10. November 1938 wurde auch die Grazer Synagoge in Schutt und Asche gelegt. Im Jahr 2000 wurde das neue jüdische Gebetshaus an seinem ursprünglichem Standort wiedererrichtet. Sie ist seither das Zentrum jüdischer Kultur in der Steiermark und befindet sich im Eigentum der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, zuständig für Wien, Niederösterreich, Burgenland, Kärnten und Steiermark. Allerdings für eine immer kleiner werdende Gruppe: In der Steiermark, Kärnten und dem Burgenland zählt die Gemeinde nur rund 80 Mitglieder. (APA/red, derStandard.at, 5. 11. 2014)

Share if you care.