Das denken Assistenzärzte über das neue Arbeitszeitgesetz

Userkommentar10. November 2014, 10:27
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Ein Assistenzarzt schreibt einen offenen Brief an den Rektor der Medizinischen Uni Wien

Sehr geehrter Rektor Schütz,

Die Novelle des Krankenanstalten-Arbeitszeitgesetzes ist keine Überraschung. Seit mehr als zehn Jahren hat die Europäische Kommission darauf hingewiesen, dass eine Überarbeitung des Gesetzes notwendig sei um den basalen Arbeitnehmerschutz allen europäischen Bürgerinnen und Bürgern zukommen zu lassen.

Man muss für Mittel kämpfen

Wenn nicht ausreichend Mittel für die Finanzierung der Arbeitskräfte und deren rechtmäßigen Einsatz im ärztlichen Bereich zur Verfügung stehen, ist es als Interessensvertreter der akademischen Medizin und als großer Arbeitgeber IHRE Aufgabe für diese Mittel zu kämpfen. Die Begründung ist einfach: wer akademische Spitzenversorgung möchte muss auch dafür sorgen, dass die Erbringer dieser Versorgung den gesetzlichen Vorgaben entsprechend angestellt werden.

Die rechtliche Sonderstellung der Medizinischen Universitäten in Österreich birgt Fallstricke. Einerseits sind Sie für die Erfüllung der Kernaufgaben der Universität, der Forschung und der Lehre zuständig. Aber gerade im medizinischen Bereich sollten Sie bemerkt haben, dass es ohne die Versorgung von Patientinnen und Patienten auch keine Forschung und keine Lehre geben kann.

Finanzierung als Tabuthema

Leider sind Sie gezwungen diesen zusätzlichen medizinischen Versorgungsauftrag mit Forschungsgeldern zu bestreiten, die in den Budgetverhandlungen mit dem Wissenschaftsressort des zuständigen Ministers geführt werden. Bislang lässt sich aber keine Anstrengung erkennen, dass Sie in den Jahren Ihrer Tätigkeit als Rektor Versuche unternommen haben diesen Missstand zu beheben. Nach wie vor ist die Finanzierung der klinischen Versorgung und des ärztlichen Personals durch das zuständige Gesundheitsressort quasi ein Tabuthema.

Nur: die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind für diesen Umstand nicht verantwortlich. Man bekommt allerdings durch Ihre mediale Präsenz den Eindruck als würde es uns Ärztinnen und Ärzten nur um die persönliche Bereicherung gehen.

Sie, Magnifizenz, haben für das ideale Umfeld um Patientenversorgung, Forschung und Lehre stattfinden zu lassen, zu sorgen. Niemand anderer ist dafür verantwortlich. Das ist auch in der von Ihnen gerne zitieren Privatwirtschaft nicht anders.

Viele der Aufgaben mit denen man als Arzt in der MUW betraut ist, finden in der unbezahlten "Freizeit" statt. Jeder und jede hat sich freiwillig für diese Laufbahn entschieden und schwierige Umstände akzeptiert. Wir üben unseren Beruf auch gerne aus und freuen uns, dass die Schutzbestimmungen für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer endlich auch für unsere Berufsgruppe gelten sollen.

Gehalt offenlegen

Vielleicht könnten Sie zum Vergleich einfach Ihr monatliches Gehalt offenlegen und auch dessen reale Steigerung in den Jahren Ihrer Tätigkeit. Denn ehrlich gesagt, ich weiß nicht wieviel Sie verdienen und es ist auch gar nicht so einfach herauszufinden. Aber ich unterstelle Ihnen, dass Sie leider auch keine Ahnung haben wieviel ein Assistenzarzt im 4. Jahr verdient und was ein monatlicher Reallohnverlust von rund 1200 Euro für diesen bedeutet.

Mir ist keine Berufsgruppe bekannt, die mit zunehmender Berufserfahrung und steigender Verwendungszeit eine Gehaltseinbuße von mindestens einem Drittel bis der Hälfte des monatlichen Gehaltes akzeptieren würde.

Magnifizenz, Sie sind Rektor der Medizinischen Universität Wien. Nun, ich darf Sie daran erinnern, wir SIND die Medizinische Universität Wien!

Kommen Sie an unsere Seite und setzen Sie sich auch für unsere Interessen ein, denn nur verbesserte Arbeitsbedingungen führen letztlich auch zu verbesserten Arbeitsergebnissen.

Mit kollegialen Grüßen,

einer der vielen Assistenzärzte am AKH Wien (Viktor Behringer, derStandard.at, 10.11.2014)

Viktor Behringer (Name von der Redaktion geändert) arbeitet als Assistenzarzt am AKH Wien.

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