Landesschulratspräsident: "Ja, es soll an Schulen Strafen geben"

5. November 2014, 11:20
553 Postings

Enzenhofer (ÖVP): Keine Prügel, aber beispielsweise Arbeit für die Gemeinschaft – Eltern und Pädagogen zurückhaltend

Linz – Der oberösterreichische Landesschulratspräsident Fritz Enzenhofer (ÖVP) hat sich für mehr "Interventionsmöglichkeiten" für Lehrer an Schulen ausgesprochen: "Ja, es soll an Schulen Strafen geben", sagte Enzenhofer laut Medienberichten als Vorsitzender des Christlichen Lehrervereins (CLV) vor dessen Generalversammlung am Mittwoch. Eltern und Pädagogen reagieren zurückhaltend.

Laut Schulunterrichtsgesetz sind Kollektivstrafen, körperliche Züchtigung und beleidigende Äußerungen seit den 1980er-Jahren verboten. Lehrer sind verpflichtet, "persönlichkeits- und gemeinschaftsbildende Erziehungsmittel" anzuwenden. Das Gesetz nennt Anerkennung, Aufforderung und Zurechtweisung. Wenn Schüler durch ihr Verhalten Lernziele nicht erreichen, können sie die Lehrer auffordern, diese zuhause nachzuholen.

Wer verschmutzt, putzt

Enzenhofer stellte gegenüber dem ORF-Radio Oberösterreich fest, dass er weder für Prügelstrafen sei, noch dass Kinder in der Ecke stehen müssen. Jedoch müsse es für Fehlverhalten eine Konsequenz geben. Er kann sich zum Beispiel Sozialdienste vorstellen: "Wenn jemand permanent stört, sollte er Arbeiten bekommen, die der Gemeinschaft dienlich sind." So sollen etwa Schüler, die eine Klasse verschmutzen, diese auch reinigen müssen, erläutert er in den "Oberösterreichischen Nachrichten". Außerdem kann er sich Zusatzübungen etwa in Deutsch oder Mathematik vorstellen.

Enzenhofer hat als Obmann des CLV Ende November Personalvertretungswahlen zu schlagen und eine satte Mehrheit von 71,2 Prozent zu verteidigen. Unterstützt wird er vom Chef der landesweiten Lehrervertretung (Zentralausschuss), Walter Wernhart, und vom obersten Lehrervertreter Österreichs, Paul Kimberger – beide sind im CLV. Letzterer setzt sich auch für Time-out-Klassen ein. Dort sollen Schüler, die den Unterricht stören, unter pädagogischer Anleitung Aufgaben erledigen. "Kinder müssen lernen, Grenzen zu akzeptieren."

Obendrein fordert Enzenhofer unter anderem im "Neuen Volksblatt" mehr Personal: einerseits, damit sich die Lehrer auf den Unterricht konzentrieren können und sich nicht mit Verwaltungsaufgaben beschäftigen müssen, andererseits auch, um die Schüler zu fördern. So brauche es mehr Unterstützungslehrer für Kinder mit besonderen Bedürfnissen. Die Sonderschulen sollen laut Forderung des CLV trotzdem erhalten bleiben.

PH-Vizedirektor: "Strafen sind schlechter Lehrmeister"

Der Vizerektor der Pädagogischen Hochschule (PH) Oberösterreich, Josef Oberneder, reagierte auf den Vorstoß von Enzenhofer mit: "Strafen sind ein schlechter Lehrmeister" und "Time-out-Klassen bedeuten Segregation, also Trennung. Das ist genau das, was wir nicht wollen." Konflikte seien Teil des Schullebens: "Sie sollten an Ort und Stelle gelöst werden." Daher forciere die PH die Konfliktlösungskompetenz angehender Lehrer.

Ebenfalls zurückhaltend reagierte Franz Keplinger, Rektor der Linzer PH der Diözese. "Ich will Schulen nicht mit Strafen in Verbindung bringen", sagt er aus eigener leidvoller Erfahrung. Aber: "Die Schüler müssen lernen, dass ihr Verhalten Grenzen hat." Er plädiert etwa für Klassenverträge, in denen Schüler und Lehrer Verhaltensregeln vereinbaren. Besonders skeptisch ist er den Time-out-Klassen gegenüber eingestellt. "Wertschätzung, Akzeptanz und Respekt dürfen den Schülern gegenüber nicht verloren gehen. Alles, was man pädagogisch macht, muss positiv besetzt sein und darf nicht zur Diskriminierung führen."

Kurt Süss vom Verband der Elternvereine an Pflichtschulen kann verstehen, dass es im Schulalltag zu schwierigen Situationen kommt: "Strafen sollten aber nur begrenzt in Absprache mit dem Schulforum erlaubt werden." Auch der Vize-Landesschulsprecher für die Gymnasien, Lorenz Raml, fordert eine starke Eingrenzung von Strafen: "Sonst besteht die Gefahr, dass Strafen von Lehrern missbraucht werden könnten."

SPÖ übt Kritik, FPÖ will mehr Lehrerrechte

Mittwochnachmittag reagierte auch die Politik. "Für mich ist die Schule eine Bildungsinstitution, keine Erziehungsanstalt", sagte SPÖ-Landesparteivorsitzender und Landeshauptmannstellvertreter Reinhold Entholzer. Enzenhofer wolle sich offenbar profilieren, weil er Ende November Personalvertretungswahlen zu schlagen hat.

FPÖ-Bildungssprecherin Silke Lackner pocht hingegen auf "mehr Lehrerrechte: Es ist dringend an der Zeit, die Lehrerrechte zu stärken." Was in der Vergangenheit von den ÖVP-Abgeordneten immer abgelehnt worden sei, habe nun beim Landesschulratspräsidenten hohe Priorität bekommen. Von den Freiheitlichen seit langem geforderte Interventionsmaßnahmen wie "Time-out-Klassen" oder Sozialdienste bei ungebührlichem Verhalten müssten endlich umgesetzt werden, verlangt Lackner. Es bedarf einer Änderung des Schulunterrichtsgesetzes, um Lehrern in ihrer Unterrichts- und Erziehungsarbeit zusätzliche, angemessene pädagogische Interventionsmaßnahmen einzuräumen.

Die SPÖ-nahe Aktion Kritischer Schüler_innen (AKS) OÖ attestiert Enzenhofer "ein Pädagogikverständnis aus dem letzten Jahrhundert". "Strafen sind alles andere als geeignete Erziehungsmaßnahmen für Jugendliche", kritisierte Vorsitzender Marco Pühringer in einer Presseaussendung. Schüler mit Problemen sollten besser integriert und nicht in Nebenzimmer abgeschoben werden. Pühringer fordert Bildungslandesrätin Doris Hummer auf, sich klar von den Äußerungen ihres Parteikollegen Enzenhofer zu distanzieren. (APA, 5.11.2014)

  • Fritz Enzenhofer, ÖVP-Landesschulratspräsident in Oberösterreich, spricht sich für "mehr Interventionsmöglichkeiten" für Lehrerinnen und Lehrer in der Schule aus.
    foto: apa / helmut fohringer

    Fritz Enzenhofer, ÖVP-Landesschulratspräsident in Oberösterreich, spricht sich für "mehr Interventionsmöglichkeiten" für Lehrerinnen und Lehrer in der Schule aus.

Share if you care.