Tabu: Kritik am Chef

5. November 2014, 12:03
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Seine Stimme erheben zu dürfen, das sollte Teil einer gesunden Unternehmenskultur sein. Für viele Arbeitnehmer ist Kritik, besonders am eigenen Chef aber ein absolutes Tabu

Nicht nur eine höhere Fehlertoleranz oder die größere Innovationskraft würden für mehr kritische Stimmen in einer Organisation sprechen. Bekannt ist, bzw. folgt man den Umfrageergebnissen des Portals karriere.at - bekannt sollte sein, dass die Möglichkeit konstruktive Kritik zu geben aber auch annehmen zu können, Vertrauen braucht und schafft - eine der kritischen Essenzen für eine funktionierende Unternehmenskultur.

Nun wurde im Rahmen der oben genannten Umfrage allerdings festgestellt, dass besonders Chefs überhaupt oder nur sehr, sehr schlecht Kritik vertragen, während sie sich selbst aber als durchaus kritikfähig einschätzen. Ein bereits bekanntes Phänomen also: Selbstbild grüßt Fremdbild.

Wenn Druck und Angst regieren

Mehr als 530 Teilnehmer machten bei der Umfrage mit und für 44 Prozent der Befragten sei Kritik am eigenen Chef ein absolutes No-Go. 33 Prozent gaben an, dass ihre Vorgesetzten nur Kritik von ihnen vertrauen Personen zulassen. 16 Prozent gaben an, dass ihre Führungskräfte "eher gut" auf Kritik reagieren, wenn sie denn konstruktiv und fachlich sei. Nur sieben Prozent beurteilten die Kritikfähigkeit ihrer Chefs mit "sehr gut".

Die Führungskräfte (127 waren es unter den Umfrageteilnehmern) selbst haben eine andere Sicht auf dieses Thema. Mehr als die Hälfte (56 Prozent) sagten: "Nur so lernt man aus Fehlern". 18 Prozent behaupteten von sich, Kritik auf fachlicher Ebene gut zulassen und annehmen zu können. Elf Prozent der Führungskräfte gaben an, dass sie bestenfalls in persönlichen Gesprächen auf Fehler hingewiesen werden möchten, heißt es weiter. 15 Prozent lehnen Kritik vollständig ab, weil: "Das schwächt eine Führungsposition".

Führungsmethoden von vorgestern

Die relativ große Zahl an Führungskräften, die die Kritikfähigkeit ihrer Mitarbeiter bestenfalls als Randerscheinung ihrer Organisationskultur sehen, ist jedenfalls bemerkenswert. Ergibt sich doch daraus auch die Frage, ob sie als Führungskräfte à la longue mit der Loyalität und dem Vertrauen ihrer Mitarbeiter rechnen können.

Denn die Zahl jener, die innerlich gekündigt haben, steigt weiter. Thomas Kottmann und Kurt Smit, deren Buch "Führungsethik" kürzlich bei Springer Gabler herausbrachten, schreiben, dass 67 Prozent der Mitarbeiter deutscher Unternehmen nur noch Dienst nach Vorschrift tun.

Oft werde noch mit Angst und Druck geführt, schreiben Kottmann und Smit. Ein Führungsprinzip, aus der Zeit der Industrialisierung, das heute längst überholt sei, ersticke es doch Kreativität und Innovation im Keim. Besser sei es und produktiver sowieso eine Kultur der Kooperation zu etablieren: "Konkret bedeutet dies, ein Klima des Vertrauens, der Sicherheit und Transparenz zu schaffen sowie die Führungskräfte zum internen Coach auszubilden und kooperationsfördernde Organisationsstrukturen zu bilden." Ein erster möglicher Schritt dahin könnte sein, Kritikfähigkeit zu üben. (Heidi Aichinger, derStandard.at, 5.11.2014)

Lesetipp

Thomas Kottmann, Kurt Smit: "Führungsetik. Erkenntnisse aus der Soziobiologie, Neurobiologie und Psychologie für werteorientiertes Führen", Springer Gabler (2014).

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