sueddeutsche.de: "Freiraum für Experimente"

Interview4. November 2014, 18:12
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Journalistinnen sind weniger oft Hasspostings ausgesetzt. Weil sich ihre männlichen Kollegen die großen Kommentare schnappen, sagt Julia Bönisch, stellvertretende Chefredakteurin von sueddeutsche.de

STANDARD: Es gibt in Österreich eine emotional geführte Debatte um das Binnen-I. Wie hält es sueddeutsche.de?

Bönisch: Wir benutzen das Binnen-I in unseren Texten nie. Journalisten sind generell recht sprachverliebt, und es sieht nicht so schön aus. Intern ist das Bewusstsein in der Redaktion aber dafür da. Bei Rundmails bemühen wir uns, von lieben Kolleginnen und Kollegen zu sprechen.

STANDARD: In Deutschland wiederum wird gerade wieder über die Quote gestritten. Ihre Position?

Bönisch: Derzeit arbeiten in der Redaktion von sz.de 49 Männer und 44 Frauen. Betrachtet man nur Leitungsfunktionen, ergibt sich ein Verhältnis von sechs Frauen und fünf Männern - wobei ich hier zugeben muss, dass die Rollen eher klassisch verteilt sind: Sport leitet ein Mann, Ratgeber eine Frau. In der Chefredaktion haben wir drei Männer, eine Frau. Natürlich ist Luft nach oben, aber wir sind auf einem sehr guten Weg.

STANDARD: Achten Sie bei der Besetzung auf die Ausgeglichenheit?

Bönisch: Ja, schon aus rein publizistischen Gründen. Wenn wir nur Männer an die Schaltstellen setzen, sieht die Seite einfach männlicher aus. Wir haben ein publizistisches Interesse daran, dass die Mischung stattfindet.

STANDARD: Wird sz.de eher mehr von Männern oder von Frauen genutzt?

Bönisch: Eher Männern. Der Anteil liegt bei knapp über 60 Prozent.

STANDARD: Bei den Postings fahren Sie eine neue Strategie: Posten ist nur mehr bei bestimmten Artikeln möglich?

Bönisch: Wir zogen die Konsequenzen. Die Postings zu Texten über Israel, Gaza, Ukraine liefen völlig aus dem Ruder. Wir wurden auf unhaltbare Art und Weise angegriffen und wollten keine Plattform für antisemitische Kommentare sein. Deshalb haben wir uns entschieden, die Diskussion gezielter zu führen, wodurch wir sie auch besser moderieren können.

STANDARD: Wie wurde es angenommen?

Bönisch: Gut. Wir müssen noch testen, welche Themen wir zur Diskussion stellen, wo es lohnt und den Leuten auch Spaß macht.

STANDARD: Sind Journalistinnen öfter Ziel von Hasspostings als Journalisten?

Bönisch: Nein, glaube ich nicht. Was aber daran liegt, dass die wichtigen Kommentare weit häufiger von Männern kommen. Deshalb werden Männer eher angegriffen, weil sie sich schneller prominentere Themen schnappen.

STANDARD: Sollten Frauen da mehr zugreifen?

Bönisch: Ja, definitiv.

STANDARD: Wird das Bezahlmodell Realität?

Bönisch: Wir schauen uns die Elemente der verschiedenen Modelle sehr genau an und kombinieren daraus das, was für uns passend ist. Dabei lassen wir uns natürlich Freiraum für Experimente.

STANDARD: Wie geht die Print-Online-Fusion voran?

Bönisch: Wir sind alle froh, dass das bei uns im Rahmen der Möglichkeiten noch reibungsfrei und kollegial geschieht. Wir stecken mitten in einer Redaktionsreform. Da gab es Arbeitsgruppen mit mehr als hundert Mitarbeitern und Vorschlägen, wie man enger zusammenrücken oder gar fusionieren kann und wo es vernünftiger ist, getrennt zu bleiben.

STANDARD: Die Ergebnisse?

Bönisch: Einfacher ist es in Bereichen, in denen man thematisch die gleichen Themenfelder abdeckt, zum Beispiel im Lokalen. Vor größeren Herausforderungen stehen wir da, wo es eindeutige Unterschiede zwischen Print und Online gibt. Das Feuilleton der Zeitung zum Beispiel hat eine ganz andere Aufgabe als bei uns das Ressort Kultur. Da muss man sich herantasten. (Doris Priesching, DER STANDARD, 5.11.2014)

Julia Bönisch (34) studierte Journalistik, ist bei sueddeutsche.de Chefin vom Dienst und seit 2011 stellvertretende Chefredakteurin. Bönisch trägt am Mittwoch beim Journalistinnenkongress in Wien vor.

medienfrauen.net

  • Julia Bönisch von sueddeutsche.de.
    foto: sz

    Julia Bönisch von sueddeutsche.de.

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