Rosetta-Mission: Der Komet in Sprungweite

4. November 2014, 19:56
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Die Raumsonde hat den Kometen "Tschuri" erreicht und untersucht bereits seine Oberfläche - Am 12. November soll Philae am Landeplatz Agilkia aufsetzen

Wien - Sieben Stunden aus rund zwanzig Kilometern Höhe im unkontrollierten freien Fall: Diese unsichere Reise hat der Lander Philae vor sich, wenn er am Vormittag des 12. November um 9.35 Uhr Mitteleuropäischer Zeit vom Satellit Rosetta abdockt. Gegen 16.30 Uhr sollte er dann am Kometen 67P/Tschurjumow-Gerassimenko gelandet sein und erste Signale zur Erde schicken, die dann aufgrund der großen Entfernung 28 Minuten und 20 Sekunden später dort ankommen - immer vorausgesetzt, es geht alles gut: Das Manöver, eine logistische und technische Herausforderung, der sich noch niemand zuvor stellte, könnte genauso gut misslingen, wenn Philae auf Gesteinsbrocken aufsetzt. "Wir haben eine 50 zu 50 Chance", sagt Pascale Ehrenfreund, Präsidentin des Wissenschaftsfonds FWF, die als Astrobiologin der Universität Leiden im Expertenteam der Rosetta-Mission arbeitet.

"Tschuri", wie der Komet liebevoll genannt wird, wiegt etwa zehn Milliarden Tonnen und hat laut dem Astrophysiker Marc McCaughrean die Größe des Mont Blanc. Die Europäische Weltraumagentur Esa will ihn untersuchen, weil man in Kometen Urbausteine aus Zeiten der Entstehung des Sonnensystems vor 4,5 Milliarden Jahren vermutet. "Tschuri" besteht aus einem großen Körper, einem halsartigen Fortsatz und einem kopfartigen Klumpen darauf, was den Spacecraft Operations Manager Andrea Accomazzo bereits zu einem recht bildhaften Vergleich inspirierte: "Tschuri sieht aus wie eine große Gummiente", meinte er, nachdem das Rosetta-Kamerasystem Osiris im Sommer entsprechende Bilder zur Erde geschickt hatte - mehr als zehn Jahre, nachdem die Mission mit einer Ariane-5-Rakete am 2. März 2004 zur langen Reise aufgebrochen war.

Ein Badespielzeug, das allerdings recht übel riecht: Wissenschafter analysierten bereits mithilfe eines in der Schweiz entwickelten Messinstruments auf Rosetta die Gashülle um "Tschuri" und fanden eine Mischung aus Schwefelwasserstoff, Ammoniak und Formaldehyd, eine beißende Mischung aus Pferdeurin und faulen Eiern. Könnte man den Kometen riechen, würde man sich wohl wünschen, es nie getan zu haben, hieß es im Blog der Esa.

Schwarz wie Kohle

Da Philae aber keine Geruchsnerven hat, sollte das die wissenschaftliche Arbeit nicht behindern - wenn die Landung gelingt. Der Komet ist schwarz wie Kohle, sagt Marc McCaughrean. Er spiegelt nur vier Prozent des Sonnenlichts zurück in den Weltraum. Die Esa hat dennoch für die Landung von Philae eine Fläche von einem Quadratkilometer ausfindig gemacht. Der Name des Landeplatzes wurde am Dienstag bekanntgegeben: Agilkia, nach jener ägyptischen Insel, wo heute der Isis-Tempel von Philae steht.

Hier sollte der Lander mit seinen drei Beinen sanft aufsetzen - wegen der niedrigen Schwerkraft eben erst nach sieben Stunden. Eine kleine Düse wird beim Auftreffen gezündet, um einen Rückprall zu verhindern. Wenn das ohne Zwischenfall gelingt, werden Harpunen in die eisige Kometenoberfläche geschossen und sollen Philae ebendort verankern, damit der Lander Proben entnehmen und diese analysieren kann.

Ehrenfreund sagt: "Wir würden uns sehr freuen. Man stelle sich das vor: Europa landet auf einem Kometen." Der aus Österreich stammende Landungsleiter Stephan Ulamec bestätigt die mit der Landung von Philae verbundenen Emotionen: "Sie arbeiten zwanzig Jahre an einem Projekt. Dann setzt Philae auf einen ebenen Bereich auf - und alles ist in Ordnung. Der Lander könnte aber genauso gut zehn Meter zur Seite schwenken und an einem Fels zerschellen. Die Arbeit von zwanzig Jahren hängt an wenigen Sekunden." Ähnlich scheint Esa-Rosetta-Manager Matt Taylor zu denken: "Wir haben alles getan, um die Landung zu ermöglichen. Nun müssen wir warten", gestand er gegenüber dem britischen Guardian, sich Sorgen zu machen. "Ich freue mich nicht darauf." Und: "It's the brown trousers time."

Wissenschaftliches Abenteuer

Taylor betont bei jeder sich bietenden Gelegenheit, auch in mit hochdramatischer Musik unterlegten Promotion-Videos der Esa, dass Rosettas einziges Ziel die wissenschaftliche Erkenntnis ist. Dadurch allein unterscheidet sich dieses Weltraumabenteuer von der Apollo-11-Mission der US-amerikanischen Raumfahrtbehörde Nasa. Sie wurde vor allem initiiert, um die damalige Sowjetunion in Sachen Raumfahrt in die Schranken zu weisen. Rosetta ist vor allem unbemannt.

Das mögliche Scheitern der Philae-Landung wird gegenüber den Medien - siehe Matt Taylors Aussagen - nicht gern diskutiert. Ehrenfreund dazu: "Rosetta hat bereits viele Erfolgskriterien erfüllt. Selbst wenn die Landung nicht klappt: So nahe waren wir noch nie einem Kometen." Die Sonde werde "Tschuri" in jedem Fall noch bis August 2015 begleiten.

Bereits zwei Asteroiden untersucht

Man habe bereits zwei Asteroiden untersucht, und auch die bisher gefundenen Moleküle seien vielversprechend. "Wir werden Daten gewinnen, die wir bisher noch nicht hatten." Die Vielfalt der Moleküle überraschte schon jenes Wissenschafterteam an der Universität Bern, das "Tschuri" als stinkenden Kometen identifizierte. Denn er ist doch noch 400 Millionen Kilometer von der Sonne entfernt. Je näher der Komet diesem Stern kommt, desto mehr verdampft von seinem Eis, und umso stärker wird seine Ausgasung.

Die Öffentlichkeit aber interessiert zunächst einmal die Landung: Zahlreiche Fernsehstationen werden Live-Bilder bringen, auf Twitter wird der Hashtag #Rosetta wohl Rekorde verbuchen. Und Matt Taylor, dessen Körper zahllose Tattoos schmücken, wird sich vielleicht wieder tätowieren lassen. Als Rosetta Anfang des Jahres nach gut zweieinhalb Jahren Tiefschlaf aufgeweckt wurde, verewigte sich Tattoo-Künstler PriZeMan am rechten Oberschenkel des Wissenschafters. Der linke schien damals noch frei zu sein. (Peter Illetschko, DER STANDARD, 5.11.2014)

  • Diese grafische Darstellung zeigt, wie es gelingen könnte: Philae schwebt sieben Stunden lang in Richtung Oberfläche des Kometen "Tschuri" , auf dem er dann mit seinen drei spinnenartigen Beinen sanft aufsetzen sollte.
    foto: esa

    Diese grafische Darstellung zeigt, wie es gelingen könnte: Philae schwebt sieben Stunden lang in Richtung Oberfläche des Kometen "Tschuri" , auf dem er dann mit seinen drei spinnenartigen Beinen sanft aufsetzen sollte.

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