Ukraine spaltet Russlands Nationalisten

4. November 2014, 17:43
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Der "Russische Marsch" in Moskau teilte sich in Imperialisten und Rassisten auf

Es ist ein groteskes Bild: der orthodoxe Priester mit schwarzer Kappe und grauem Bart neben einem Glatzkopf in Flecktarn. Beide heben die Hand zum Hitlergruß, hinter ihnen die schwarz-gelb-weiße Flaggen der russischen Monarchie, verziert mit einem Symbol der eigentlich als extremistisch geltenden und seit drei Jahren verbotenen nationalistischen "Bewegung gegen illegale Einwanderung".

Die Allianz der russischen Nationalisten, die seit Jahren am "Tag der nationalen Einheit" in Russlands Städten beim sogenannten Russischen Marsch demonstrieren, ist von jeher ein merkwürdiger Mix: Monarchisten und Imperialisten nutzten wie rechte Schläger und Fremdenhasser (speziell die Angst vor Kaukasiern ist in Russland groß) den von Wladimir Putin anstelle des Tages der Oktoberrevolution ins Leben gerufenen Feiertag, um lautstark auf sich aufmerksam zu machen.

Lange konnten die Nationalisten beim Aufmarsch auf die Duldung, wenn nicht gar stillschweigende Billigung des Kremls zählen, lenkte er den Frust vieler Russen doch in kontrollierte Bahnen. Doch wegen der Ukraine-Krise ist der Druck gestiegen: Einer ihrer Führer, Alexander Potkin, wurde sogar wegen Betrugsvorwürfen verhaftet. "Die russische Führung hat so lange die ukrainischen Nationalisten verunglimpft, dass es merkwürdig wäre, nun Loyalität gegenüber ihren eigenen zu erwarten", begründete Nationalistenführer Dmitri Djomuschkin den Schwenk.

Ganz verboten wurde der Russische Marsch am Dienstag nicht, obwohl der Kreml die Veranstalter drängte, ihn heuer abzusagen. Am Ende fand er nicht direkt in Moskau, sondern in zwei Vorstädten statt.

Neurussen gegen Panslawen

Die Teilung in zwei Märsche war nicht nur auf administrativen Druck zurückzuführen. Die russische Rechte ist über den Ukraine-Kurs des Kremls tief zerstritten. Einer der Märsche wurde daher zur Solidaritätsbekundung mit "Neurussland", also jenen von prorussischen Rebellen gehaltenen Gebieten in der Ostukraine, als deren Schutzmacht sich Moskaus Führung versteht.

Der geplante "Stargast" der Demo, Igor Strelkow, jener russische Exagent, der monatelang die Rebellenmilizen im Donbass führte, sagte im letzten Moment ab - wegen Differenzen mit einem der Organisatoren, wie er mitteilte. Dieser wollte auch das System in Russland umstürzen, Strelkow nur das in der benachbarten Ukraine, um einen Teil davon Russland einzuverleiben.

Auf der Konkurrenzveranstaltung stand dem von einer russischen Großmacht träumenden Flügel der Nationalisten ein panslawistischer gegenüber: Dort marschierten hinter den "Neurussland"-Kolonnen auch Gegner des Kremlkurses. "Keinen Krieg mit der Ukraine", skandierten sie. Hinter dem Protest steht kein Pazifismus, sondern die Idee eines slawischen Zusammenschlusses gegen andere Volksgruppen.

Eines ist Putin gelungen, wie die sinkende Teilnehmerzahl zeigt: Seit der Kreml selbst die nationalistische Welle reitet, ist der Anteil seiner Gegner bei der Rechten deutlich geschrumpft. (André Ballin aus Moskau, DER STANDARD, 5.11.2014)

  • Mit Flaggen der russischen Monarchie zogen Nationalisten am "Tag der nationalen Einheit" durch Moskauer Vorstädte.
    foto: reuters/schemetow

    Mit Flaggen der russischen Monarchie zogen Nationalisten am "Tag der nationalen Einheit" durch Moskauer Vorstädte.

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