Underground Wrestling in Wien: Ausgebuht aus Leidenschaft

Reportage mit Video15. Dezember 2014, 19:13
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In einem Wiener Keller catchen 100-Kilo-Männer um die meisten Buhrufe aus dem Publikum

derstandard.at/von usslar

Wien – Wenn Torturo Martinez hinter dem Vorhang hervortritt, meint er bereits zu wissen, dass er den Kampf für sich entscheiden wird: "Mi Torturo, mi Champion", brüllt der 94-Kilo-Mann und wirft sich auf seinen Gegner.

Und wenn sein Gegenüber k. o. auf dem Boden liegt, gibt Martinez ihm hinter dem Rücken des Schiris noch eine mit. Hinterlist und ein übersteigertes Selbstbewusstsein zählen zu seinen Gimmicks – so nennt man die holzschnittartigen Charakterzüge im Wrestling.

Vorgetäuschte Gewalt und echte Schmerzen

Martin Scheffel sieht sich als Schauspieler: "Ich bin nicht der Mensch, der Leute auf der Straße anschreit." Martinez ist nur eine von mehreren Rollen, in die er im Kampf schlüpft – der brutale und selbstverliebte Ungustl. Mit Martinez ist er WUW-Austria-Champion geworden.

Gewinnen kann man den Titel nur mit einer guten Show, denn Wrestling ist eine ausgemachte Geschichte. Die zugefügten Schmerzen sind hingegen echt, dafür spricht das laute Krachen beim Aufprall auf die Matte. Damit dabei keine gröberen Verletzungen entstehen, trainiert Martin dreimal die Woche in der Wrestling School Austria in der Nähe vom Wiener Praterstern besonders das Fallen und Ausweichen.

Von Beruf Wrestler

In erster Linie ist er allerdings Publizistikstudent, möchte sein Bachelor-Studium zeitig abschließen und einen gewöhnlichen Job finden.

In Österreich können ungefähr drei Menschen vom Wrestling leben – im Underground ist es sogar nur ein einziger, Martins Trainer Gerhard Hradil alias "Humungus". Dafür hat er sich durch seine auffälligen Tattoos im Gesicht für viele andere Jobs disqualifiziert und zählt mit nur einem heilgebliebenen Knochen (die Nase) als invalid.

foto: akos vincze
Torturo Martinez trägt eine Maske, wie es beim mexikanischen Wrestling, dem Lucha Libre, üblich ist.

In den Achtzigerjahren feierte Hradil in Thailand, Japan und Hongkong große Erfolge als Humungus. Mit dem ersparten Preisgeld kommt er um die Runden – er wohnt im Gemeindebau, fährt einen Peugeot, Baujahr 1987 – und kann bis ans Ende seiner Tage catchen, auch wenn die Shows in Österreich wenig einbringen. Eine klassische Ausbildung zum Chemiker hat Hradil seinen Eltern zuliebe abgeschlossen. Die Figur des angsteinflößenden, aber auch ein bisschen liebenswürdigen Klotzes Humungus lebt er auch außerhalb des Rings. Hradil ist Humungus. (Maria von Usslar, Raoul Kopacka, derStandard.at, 15.12.2014)

derstandard.at/von usslar
Wrestler Romeo bietet einen Einblick in sein Repertoire an Gimmicks.

Wissen:

Underground-Wrestling findet im Gegensatz zum klassischen, amerikanischen Pro-Wrestling nicht zwingend in einem Ring statt. Dadurch fallen akrobatische Attacken am Ringseil oder Turnbuckle weg. Gewonnen wird ein Kampf auch nicht durch einen Pinfall, bei dem der Gegner drei Sekunden lang mit beiden Schultern an den Boden geheftet werden muss, sondern nur, wenn der Gegner aufgibt oder k. o. geht. Wie beim American Wrestling gibt es keine Gewichtsklassen – je schwerer also, desto besser. Schmächtigere Kämpfer müssen die körperliche Ungleichheit irgendwie wettmachen, etwa durch Faxen, denn letztendlich zählt die Show.

Info:

Wrestling School Austria

Offenes Training jeden Mittwoch, Freitag und Sonntag

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