WKÖ: Das Kind nicht mit dem Bade ausschütten

Kommentar der anderen4. November 2014, 17:08
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Österreich ist ein starker Standort, und das hat nicht zuletzt auch mit den Leistungen der österreichischen Wirtschaftskammer zu tun. Eine Antwort auf die Polemik um die WKÖ und deren Präsidenten Leitl

Vor 100 Jahren meinte Robert Musil in seinem monumentalen Romanfragment Der Mann ohne Eigenschaften noch: "Österreich ist das Land der privilegierten Unternehmungen gewesen, des mit Zusicherungen und Schutzbriefen arbeitenden Unternehmertums, das dadurch an Tüchtigkeit verlor."

Das hat sich erfreulicherweise grundlegend geändert. Unter den etwa 200 Ländern unseres Planeten steht unsere kleine Volkswirtschaft bei der Wirtschaftsleistung an 28. Stelle. In der EU erzielen wir pro Kopf nach Luxemburg das zweitbeste Ergebnis. Wohl liegt auch die Schweiz vor uns.

Sozialpartnerschaft ...

Die Entwicklung unseres Landes wurde in der Zweiten Republik zur Erfolgsstory. Dazu haben zahlreiche Umstände beigetragen, die es aber auch jeweils zu nutzen galt. Keine geringe Rolle kam dabei der Sozialpartnerschaft zu, wofür bis heute die Namen Raab, Böhm, Benya und Sallinger als Symbol stehen.

Die wirtschaftliche Stärke unseres Landes beruht auf unserer industriellen Basis, dem Tourismus - im Reiseverkehr nehmen wir weltweit den zehnten Rang ein - und dem Außenhandel. 2014 werden wir mit Exporten in Höhe von nicht ganz 130 Milliarden Euro, wozu noch 55 Milliarden Euro Dienstleistungen kommen, einen neuen Höchstwert und nicht mehr viel weniger als die Schweiz und Schweden erreichen.

... und Außenwirtschaft

Nicht geringen Anteil an dieser erfreulichen Entwicklung hat die Wirtschaftskammer mit ihren außenwirtschaftlichen Schwerpunkten, auf die etwa ein Drittel des Budgets der Wirtschaftskammer entfällt. Die angebotenen Serviceleistungen werden von international tätigen Unternehmen häufig in Anspruch genommen, wie zuletzt der große Erfolg der österreichischen Wirtschaftsdelegation in China zeigte.

Österreich weist trotz der weltweiten Konjunkturschwäche, die wir nicht zu säkularer Stagnation werden lassen dürfen, und trotz gestiegener Arbeitslosigkeit die bisher höchste Beschäftigung auf. Unser Land konnte bislang die Krise besser meistern als viele andere in Europa. Die Fortsetzung dieses Weges ist aber kein Selbstläufer, wie das internationale Monitoring zeigt: Im "Doing Business"-Ranking der Weltbank liegt Österreich heuer auf Rang 21, was eine Verschlechterung gegenüber dem Vorjahr um zwei Plätze bedeutet.

Wir haben Handlungsbedarf! Bei der Verbesserung der Rahmenbedingungen, des Public Management, der öffentlichen Finanzen. Wir brauchen bessere Bildung und Ausbildung (Aufwertung der Lehre), mehr Mittel für Universitäten, Wissenschaft und Forschung, eine freiere Luft für Innovationen und einen Spirit für entrepreneuriale Engagements, mehr "schöpferische Zerstörung" statt zerstörende Regulierung und Verwaltung. Siehe etwa Gewerbeordnung, Ladenschlusszeiten, einander widersprechende Betriebsauflagen beim Umweltschutz. Aber auch sinnentleerte Arbeitsplatzvorschriften oder Arbeitszeitregelungen. Dafür bedarf es neuer Regelungen beig leichzeitiger Wahrung der Interessen der unmittelbar Betroffenen.

Hemmende Strukturen ...

Den gesetzlich eingerichteten Interessenvertretungen kommt dabei die schwierige Aufgabe zu, einen Interessenausgleich herbeizuführen. Dabei erweisen sich nicht zuletzt die föderalen Strukturen oft als hemmend. Dadurch fällt Interessenvertretungen wie der Industriellenvereinigung oder der Österreichischen Hoteliervereinigung, die aufgrund der fehlenden Pflichtmitgliedschaft keinem so breiten inneren Konsens unterliegen, oftmals eine entscheidende Rolle zu.

Die einzelnen Interessenvertretungen werden ihre Aufgaben in einer sich rasch ändernden Welt nur dann auch weiterhin erfüllen können, wenn sie eine Strategie ständiger Verbesserungen mit dem Ziel größtmöglicher Effizienz bei gleichzeitiger Kostenminimierung vor allem durch Vermeidung unnötiger Bürokratie verfolgen. Dessen ungeachtet muss Einrichtungen wie der Wirtschaftskammer für die Erfüllung ihrer Aufgaben auch die Aufrechterhaltung der dafür notwendigen Strukturen zugesichert und ein Wahlmodus ermöglicht werden, der eine freie, unabhängige und gesicherte Tätigkeit zulässt.

Trotz aller berechtigter Kritik an den einzelnen sozialpartnerschaftlichen Institutionen ("Wo ist Ihre Leistung, Herr Präsident?" von Christina Aumayr-Hajek im STANDARD vom 23. Oktober) kann es aus einer Reihe von Gründen nicht in unser aller Interesse liegen, wenn aus bloßer wahltaktischer Polemik versucht wird, das Kind mit dem Bad auszuschütten.

... und effiziente Vertretungen

Im Interesse der Zukunft unseres Landes als attraktiver und wettbewerbsstarker Wirtschaftsstandort mit hoher Beschäftigung wäre es vielmehr wünschenswert, wenn die Interessenvertretungen mehr Druck für Modernisierung und überfällige Reformen insbesondere im Bildungsbereich machen, aber sich auch für eine vernünftige Steuerreform, die Konsolidierung des Budgets und Strukturverbesserungen starkmachen und damit auch wirtschaftliche Wachstumsimpulse setzen würden. (Hannes Androsch, DER STANDARD, 5.11.2014)

Hannes Androsch (Jahrgang 1938) ist Industrieller (Salinen Austria, AT&S). Er saß für die SPÖ im Nationalrat und war in der Ära Kreisky Finanzminister und Vizekanzler. Seinen Posten als Generaldirektor der Creditanstalt musste er in den 1980er-Jahren wegen einer Steueraffäre räumen. Zuletzt trat Androsch immer wieder als Promotor von Bildungsreformen auf.

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