Jazz-Bauchfleck und meisterhafte Landung

4. November 2014, 17:16
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Das Jazzfest Berlin 2014 prunkt mit zwei Generalthemen

Wer zurzeit durch das Brandenburger Tor spazieren möchte, stößt auf Absperrungen. An der Westseite des Berliner Wahrzeichens machen sich Baukräne und Gabelstapler an Metallgerüsten zu schaffen, sekundiert von weißbehelmten Arbeitern: Während die Vorbereitungen für die 25-Jahr-Gedenkfeier der "Wende" auf Hochtouren laufen, wetteifern ein paar Gehminuten weiter, im Foyer des Kulturkaufhauses Dussmann in der Friedrichstraße, Udo Lindenberg und Nina Hagen mit Daniel Barenboim und Leonard Bernstein um den Rang des ultimativen "Mauerfall-Konzerts".

Am Jubiläum kam 2014 auch das Berliner Jazzfest nicht vorbei - und legte damit im Haus der Berliner Festspiele mit dem "Freedom Songs"-Projekt von Sänger Kurt Elling und der WDR-Bigband einen glatten Bauchfleck hin. Dirigent Richard DeRosa zog für seine Freedom Suite nicht nur Texte des nicht wirklich als historische Ikone geltenden Ronald Reagan (neben solchen von Mahatma Gandhi und Martin Luther King!) heran, in der Komposition näherte er sich hymnisch-pathetischen Klängen, die man aus US-Blockbustern kennt, wenn dort ergriffen vor dem Sternenbanner salutiert wird. Das Publikum, das schon zuvor bei Bigband-Arrangements von Scorpions-Songs Unmut hatte erkennen lassen, buhte das Stück zu Recht gnadenlos aus.

Mit der Wiederaufführung der vier Kurzopern Die Engel in der Akademie der Künste setzte Programmkurator Bert Noglik hingegen einen mutigen Akzent. 1988 in Ostberlin uraufgeführt, zeichneten hier der Literat Jochen Berg und der Komponist Ulrich Gumpert die Umrisse einer Welt am Vorabend des Zusammenbruchs, gipfelnd in Sätzen wie "Ich bewache ein leeres Paradies!" Die verklausulierte Sprache und die langatmige Motorik der Musik ließen die Stücke anno 2014 nur bedingt als aktuell erscheinen.

Das Berliner Jazzfest thematisierte indessen auch einen anderen Jahrestag: Denn 50 Jahre zuvor reiste Martin Luther King jr. in die durch den Mauerbau schockierte Stadt und beschwor beim allerersten Berliner Jazzfest die Verbindung zwischen Bürgerrechtsbewegung und afroamerikanischer Improvisationsmusik - was US-Gitarrist Elliott Sharp 2014 in einem Auftragsprojekt reflektierte. 1964 starb zudem Eric Dolphy unter tragischen Umständen 36-jährig in Berlin: Während sich die Dolphy-Arrangements von Alexander von Schlippenbach und Aki Takase durchwegs zu nah am Original bewegten und als halb garer Free-Bop über die Rampe kamen, konnte Silke Eberhard mit Dolphys posthumem Kammermusikwerk Love Suite punkten: In der Bearbeitung für Bläser und Elektronik ließ die Klarinettistin notierte Struktur und energiereiche Improvisation in geistreiche Dialoge eintreten.

Der Ruf nach Kuratoren

Abseits aller Anniversarien flutete Jasper van't Hof den Raum der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche mit massigen Orgelklängen und erneuerte dabei die alte Duo-Achse mit Saxofonistenveteran Archie Shepp. Pianist Jason Moran beamte die Musik von Fats Waller auf den Dancefloor. Die Formation Mostly Other People Do The Killing vergriff sich anarchistisch-lüstern am Dixieland-Jazz. Bert Noglik, dessen Amtszeit auf eigenen Wunsch 2014 endet, wird der britische Musikjournalist Richard Williams als Programmmacher nachfolgen. Ein zur Gänze vom Bund finanziertes Festival mit wechselnden Kuratoren - wäre das nicht auch ein Modell für das impulsarme Jazzfest Wien? (Andreas Felber, DER STANDARD, 5.11.2014)

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