Begrenzte Annäherungen

4. November 2014, 17:13
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Georg Friedrich Haas beim Festival Wien Modern

Wien - Mozart zerstöre die Erwartungen seiner Zuhörer. Georg Friedrich Haas demonstrierte dies beim Komponistengespräch im brechend vollen Schönberg-Saal des Konzerthauses am konkreten Beispiel und Klavier. Der Composer in Residence der diesjährigen Ausgabe des Neue-Musik-Festivals Wien Modern betont zwar die Distanz des eigenen Schaffens zum Klassiker, dennoch legt er es deutlich darauf an, Vertrautes aus den gewohnten Bahnen zu holen und ins Offene überzuführen.

Ganz offenkundig wird dies dort, wo sich Haas auf Traditionen bezieht - sei es die Annäherung an Alte Musik wie jene von Josquin Desprez, seien es bestimmte Instrumente, deren Aura er erweitert. Die engen Grenzen des Klaviers Tonsystems waren ihm schon immer ein Dorn im Auge. Wiederholt hat er diese Schranken gesprengt, am aufsehenerregendsten im jenem Werk für sechs Klaviere im Zwölfteltonabstand und Orchester, welches das SWR-Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg bei seinem vielleicht letzten Wiener Auftritt (dazu später) mit im Gepäck hatte.

Mit dieser Besetzung hat sich Haas ein Instrument geschaffen, das ihm nahezu nahtlose Glissandi erlaubt, zumal die Distanz eines Zwölfteltons so gering ist, dass sie nicht als Schritt, sondern nur als etwas andere Farbe wahrgenommen wird. Dieses theoretische Detail wird zum physischen Erlebnis - sowohl bei den Klavieren, wenn sie ähnliche Akkorde oder Läufe spielen und den Klang in ungeahnter Fülle auffächern, als auch und vor allem in Kombination mit dem Orchester.

Andererseits gibt es, wie der Titel limited approximations verrät, vielfache Annäherungen, wenn die Klaviere leuchtende Obertonakkorde bilden und die Orchestermusiker in diese filigranen Klangwelten eindringen. Beim Hören zeigt sich dies im berückenden Wechsel zwischen Reibung und Verschmelzung in ungeheurer Differenzierung - zumal, wenn dieser heikle Balanceakt so wunderbar funktioniert wie bei diesem Orchester mit seinem Chefdirigenten François-Xavier Roth, der auch hukl von Bernhard Gander und das Violinkonzert von György Ligeti sinnlich-akkurat zur Geltung brachte.

Am Ende wurde Roth ernst und wandte sich ans Publikum: Es ist bekannt, dass das Orchester 2016 einer Fusion zum Opfer fallen soll. Es sei nicht zu spät, dieses Schicksal abzuwenden, meinte der Dirigent. Womöglich ereilt die Verantwortlichen ja doch noch ein Anflug der Vernunft - diese Zerstörung wäre, nicht nur für zeitgenössische Musik, ein ungeheuerlicher Verlust. (Daniel Ender, DER STANDARD, 5.11.2014)

  • Vertrautes aus den gewohnten Bahnen holen: Georg Friedrich Haas.
    apa

    Vertrautes aus den gewohnten Bahnen holen: Georg Friedrich Haas.

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