Gilberto Gil: "Keine bessere Gesellschaft ohne bessere Individuen"

Interview5. November 2014, 05:30
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Der brasilianische Musiker und Ex-Kulturminister, der mit seinem neuen Album in Wien gastierte, im Gespräch über das Spannungsfeld von Kultur und Politik, Identität und das Internet

STANDARD: Sie betonen gerne die Verbundenheit aller Menschen - in Brasilien und in der Welt. Aber Brasilien ist nach dem letzten Wahlkampf ein gespaltenes Land. Hat Sie die Polarisierung der Gesellschaft überrascht?

Gilberto Gil: Nein. Für mich hängt das mit dem Phänomen Internet und den sozialen Netzen zusammen, mit der stärkeren Rolle des Individuums, die eine andere Art des gesellschaftlichen Handelns erzeugt. Die Einzelnen werden zu Journalisten und Analysten, vertreten Meinungen und verbreiten sie. Gleichzeitig garantiert das Internet sowohl die Exponiertheit der Einzelnen wie ihre Anonymität. Es ist paradox, aber wahr. Die Leute stellen sich zur Schau und verstecken sich zugleich hinter einer elektronischen Identität.

Dazu kommt, dass sich die Lebensumstände ganzer Bevölkerungssegmente, die bis vor kurzem stark marginalisiert waren, beträchtlich verbessert haben. Für die schon konsolidierte Mittelklasse stellt das eine Herausforderung dar. Diese beiden Phänomene bewirken, dass Differenzen in der Gesellschaft sichtbar werden. Und dazu kommt ein dritter Faktor: der Aufschwung im traditionell sehr armen Nordosten. Dort wächst die Wirtschaft stärker als in allen anderen Regionen.

STANDARD: Wenn Sie mit Ihren Programmen weltweit auf Tournee sind, fühlen Sie sich dann als Repräsentant afrobrasilianischer Kultur, oder lehnen Sie derartige Bezeichnungen ab?

Gil: Ich habe nichts gegen diese Kategorien. Sie helfen, soziale oder kulturelle Tatsachen und ihre Ursprünge zu verstehen. Ich fühle ich mich durch solche Kategorien nicht eingegipst, sondern sehe mich außerhalb davon. Andererseits bin ich Brasilianer mit afrikanischem Hintergrund. Der zivilisatorische Prozess in Brasilien ist stark von einer afrikanischen Matrix geprägt, von afrikanischer Kultur und Religion. Wir sind auch genetisch Mischlinge. Ein relativ prominenter Künstler wie ich, der alle diese Aspekte vereint, kann als Botschafter dieser brasilianischen Identität verstanden werden.

STANDARD: Wir erleben in Europa eine Krise, die soziale Gegensätze verschärft. Kann der Kampf gegen den Rassismus unter diesen Umständen Erfolg haben? Welche Strategien sind denkbar?

Gil: Ich denke, vor allem die europäischen Gesellschaften der Gegenwart stehen nach allem, was sie durchgemacht haben - die Auflösung Österreich-Ungarns, die Bildung anderer Nationen, den Ersten und Zweiten Weltkrieg - für die Idee der Menschenrechte. Sowohl im Großen, Stichworte: Respekt zwischen Staaten, ihre Autonomie und Souveränität, wie auch im Kleinen: Rechte der Frauen, Minderheitenrechte, das Verständnis von Ökologie und dem Planeten als einem Lebewesen.

Trotz einer scheinbaren Verrohung und Demonstrationen von Rassismus in italienischen, deutschen, englischen und brasilianischen Fußballstadien, hängen die Gesellschaften dieser Länder dem Gedanken der Menschenrechte an, und das wird zu automatischen Korrekturen führen. In Deutschland sind vor ein paar Jahren Millionen Menschen gegen die Diskriminierung von Türken und anderen Zuwanderern auf die Straße gegangen. Wenn das Phänomen des Rassismus stärker wird, wird auch die Gegenbewegung stärker werden.

STANDARD: Auf Ihrem neuen Album "Gilberto's Sambas" wenden Sie sich dem Werk des Vaters der Bossa nova zu, João Gilberto, und anderen "Meistern", wie Sie sie nennen. Was hat Sie dazu motiviert?

Gil: Ich habe viele Väter und Stiefväter. Luiz Gonzaga, Dorival Caymmi, João Gilberto, Bob Marley, Jimi Hendrix, die Beatles. Ihre Lektionen haben mich als Interpreten, Komponisten und als musikalischen Denker beeinflusst. Ich habe aus vielen Quellen getrunken und sehe mich als Vertreter all dieser Strömungen.

STANDARD: Man hat den Eindruck, dass Sie mit diesem Album zu einer neuen Art des Singens gefunden haben: Der Ton ist leiser, intimer.

Gil: João Gilberto hat mich in diese Richtung geschoben. Aber es hat auch mit einer Art Reife zu tun. Mit dem Älterwerden kommt eine Musikalität, die sich auf das Wesentliche konzentriert. Die Bossa nova gehört zum Wichtigsten, das in meinem Leben passiert ist. Eine Hommage an João Gilberto ist also logisch und nur gerecht. Und: Im Alter funktioniert die Stimme nicht mehr so gut, das passt aber gut zu den leiseren und tieferen Tönen dieser Musik.

STANDARD: Sie sind ein Künstler, der sich als öffentliche Figur immer auch politisch positioniert. Welche Themen werden Sie in nächster Zeit ansprechen?

Gil: Alle Themen bewegen mich. Je demokratischer eine Gesellschaft wird, desto reicher und vielfältiger werden die Fragen. Es gibt offensichtliche Anliegen, von denen ich mich nie distanzieren werde: die Themen von Humanismus und Aufklärung. Und es gibt keine besseren Gesellschaften ohne bessere Individuen. Man muss auf gute Ernährung achten, auf physische, geistige und moralische Gesundheit. Ich denke, das sind Fragen, die ich ansprechen möchte, neben den mysteriöseren, die ich in meiner Arbeit immer gerne behandelt habe, wie die Liebe und den Tod. (Claudia Machado, DER STANDARD, 5.11.2014 - gemeinsam Johann Kneihs, Ö1)

Gilberto Gil, geboren 1942 in Salvador, war in den 1960er-Jahren mit seinem Altersgenossen Caetano Veloso Protagonist der Tropicalismo-Bewegung, welche radikal innovativ Bossa nova mit internationaler Rock- und Popmusik verband und die Zustände im damaligen Brasilien scharf kritisierte. Vorübergehend musste er das Land verlassen und lebte zwei Jahre in London. 1972 kehrte der vielseitige Musiker nach Brasilien zurück. 2003 bis 2008 war er in der Regierung Lula Kulturminister.

  • "Es ist paradox, aber wahr. Die Leute stellen sich im Internet zur Schau und verstecken sich zugleich hinter einer elektronischen Identität": Gilberto Gil.
    foto: daryan dornelles

    "Es ist paradox, aber wahr. Die Leute stellen sich im Internet zur Schau und verstecken sich zugleich hinter einer elektronischen Identität": Gilberto Gil.

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