Syrische Aktivistin: "US-Luftangriffe helfen dem Assad-Regime"

Interview5. November 2014, 07:00
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Razan Ghazzawi kritisiert, dass die USA nur gegen die IS-Miliz kämpfen, nicht aber gegen Assad

Die syrische Bloggerin und feministische Aktivistin Razan Ghazzawi rechnet nicht mit Waffenlieferungen an die moderaten Kräfte Syriens, obwohl diese ihrer Ansicht nach dringend notwendig wären. Ghazzawi wurde aufgrund ihrer politischen Aktivitäten mehrmals verhaftet und ist 2013 aus ihrer Heimat geflohen. Derzeit ist sie anlässlich einer Veranstaltung des Instituts für internationalen Dialog und Zusammenarbeit (VIDC) in Wien.

derStandard.at: Wie würden Sie ihre Arbeit in Syrien während des Aufstands gegen Machthaber Bashar al-Assad beschreiben?

Ghazzawi: Als die Revolutionen in Tunesien und Ägypten begannen, solidarisierten sich zunächst viele syrische Aktivisten – mich eingeschlossen – mit den Protestierenden und riefen Unterstützungsaktionen ins Leben. Als es dann auch in Syrien losging, organisierten wir größere Proteste und verbreiteten Informationen – und zwar unter unseren echten Namen, damit wir glaubwürdig rüberkamen. Damit riskierten wir aber auch unsere eigene Sicherheit.

derStandard.at: Sie wurden auch zweimal verhaftet. Wie kam es dazu?

Ghazzawi: Ich war 2011 und 2012 für einige Wochen in Haft. Mir wurden die Augen verbunden und Handschellen angelegt. Ich wurde psychisch gefoltert, indem mir ständig Gewalt angedroht wurde und ich täglich stundenlang hörte, wie andere gefoltert wurden. Immer wieder fragten sie mich, mit wem ich zusammengearbeitet habe, und versuchten, Zugang zu meinem E-Mail- und Facebook-Account zu erhalten. Bei der zweiten Verhaftung war ich nicht allein: Ich und alle meine Kollegen am Syrischen Zentrum für Medien- und Meinungsfreiheit wurden festgenommen, mein Vorgesetzter und zwei Mitarbeiter sind bis heute in Haft, ihre Verhandlung ist für Donnerstag anberaumt.

derStandard.at: Macht das Assad-Regime einen Unterschied zwischen Männern und Frauen bei der Verhaftung?

Ghazzawi: Nein. Wir sprechen von mehr als 200.000 Verhaftungen, und es geht im Prinzip nicht darum, welches Geschlecht man hat, sondern wie bekannt man ist beziehungsweise wie vehement die Freilassung international gefordert wird. Wenn das der Fall ist, wird man in der Regel nicht getötet, kann aber jahrelang im Gefängnis sitzen. Wenn das Regime eine Person verhaftet hat, die einflussreich ist, wird sie länger im Gefängnis, aber wahrscheinlich am Leben bleiben.

derStandard.at: Wie haben sich Frauen während der Revolution organisiert?

Ghazzawi: In diesem Zusammenhang gibt es einen großen Unterschied zwischen konservativen und liberalen Regionen. Dort, wo konservative Kräfte aktiver sind, werden Frauen nicht körperlich attackiert, sondern nur Männer. Damit hat man Frauen aber den Freiraum gegeben, aktiv zu werden und zum Beispiel Hilfslieferungen zu organisieren. Damit wurden die typischen Geschlechterrollen auf die Probe gestellt und veränderten sich – aber das war am Anfang. Die Gewalt und der Krieg haben uns quasi zurück an den Start gebracht.

derStandard.at: Wann haben Sie Syrien verlassen?

Ghazzawi: Vor zehn Monaten. Damaskus habe ich bereits 2012 verlassen, danach war ich noch in "befreiten Gebieten" Syriens.

derStandard.at: Wenn von "befreiten Gebieten" gesprochen wird, inkludiert das zumeist auch Regionen, die unter der Kontrolle extremistischer Gruppen sind.

Ghazzawi: Im Prinzip bedeutet das lediglich regimefrei, man wird also nicht von Regimetruppen unter Druck gesetzt oder verhaftet. Aber man muss natürlich, vor allem seit kurzem, Angst vor den vielen bewaffneten Gruppen haben, die die Kontrolle übernommen haben.

derStandard.at: Mit dem Vormarsch der IS-Miliz haben moderate Kräfte in Syrien quasi zwei Feinde zu bekämpfen. Kann das überhaupt noch gelingen? Wer sind die moderaten Kräfte in Syrien heute noch?

Ghazzawi: Es gibt sie, die Freie Syrische Armee zum Beispiel, aber sie haben keine Unterstützung aus dem Ausland erhalten. Die, die Unterstützung und Geld bekommen, sind die Islamisten – vor allem von den Golfstaaten, unter anderem Katar. Das ist der Grund, warum die IS-Miliz viele strategische Punkte in Syrien kontrolliert. Die "westlichen Staaten" wissen genau, wer die moderaten Kräfte sind, unterstützen sie aber nicht, weil sie Angst vor einem zweiten Afghanistan in Syrien haben. Ich glaube außerdem nicht, dass sie an einer Lösung des syrischen Konflikts interessiert sind. Sie wollen, dass Assad bleibt, weil er gegen die Extremisten vorgeht.

derStandard.at: Was müssten die USA und ihre Verbündeten tun?

Ghazzawi: Ich bin gegen Bodentruppen, ich glaube, das syrische Volk kann sich und sein Land selbst verteidigen, braucht dafür aber die notwendigen Waffen. Mit den Luftangriffen verfolgen die USA aber ihre eigenen Interessen. Sie haben Angst vor der IS-Miliz, und sie bombardieren, wovor sie Angst haben, ohne jegliche Abstimmung mit dem, was die Syrerinnen und Syrer wollen. Der Ursprung dieses ganzen Problems ist das Assad-Regime. Wieso wird das Regime nicht bombardiert? Wieso gibt es keine Flugverbotszone über regimetreuen Gebieten? Mit den Luftangriffen helfen sie dem Assad-Regime, die IS-Miliz zu bekämpfen.

derStandard.at: Assad wird also noch länger an der Macht bleiben?

Ghazzawi: Die moderaten Kräfte werden in Zukunft keine Waffenlieferungen erhalten, gleichzeitig wird die IS-Miliz stärker. Eine politische Lösung sollte unterstützt werden, die Frage ist, was für eine. Eine zweite Revolutionswelle ist dafür zunächst notwendig. (Noura Maan, derStandard.at, 5.11.2014)

foto: reuters/handout
Razan Ghazzawi (34) ist eine feministische Aktivistin und Bloggerin aus Syrien. Sie war Kampagnenleiterin des Syrian Women's Network und ist momentan für das Institute of War and Peace Reporting in Großbritannien tätig. Derzeit ist sie anlässlich einer Podiumsdiskussion des VIDC über "Syrien – Von der Revolte zum regionalen Krieg?" in Wien.
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