Singapur: Rummel, Platz eins

6. November 2014, 16:35
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Lonely Planet wählte Singapur zum besten Reiseland für 2015. Warum das so ist? Die Gründe dafür liegen wohl weniger in der Unverwechselbarkeit als vielmehr am hohen Gute-Laune-Faktor

Es ist wahr. Knallrote Warnschilder an den Häuserwänden sind der Beweis. Ein landesweit als illegal deklarierter Kaugummi, egal ob in der Mundhöhle oder auf dem Boden, beläuft sich auf 500 Singapur-Dollar Strafe, rund 310 Euro. Da überlegt man sich das atemfrische Zeremoniell gegen Foetor ex ore lieber zweimal. Auch das flüssige oder feste Stillen von leiblichen Bedürfnissen in der U-Bahn ist strafbar - essen oder trinken kostet hier ebenfalls 500 Dollar Strafe. Für eine am falschen Ort gezückte Zigarette sind gar 1.000 Dollar fällig. Und wer dann noch danach trachtet, im öffentlichen Raum eine Stinkfrucht, auch Durian genannt, zu verzehren, der sollte am besten einen kleinen Geldkoffer in den Urlaub mitgenommen haben.

Seit kurzem listet der australische Verlag Lonely Planet den 1819 von Sir Thomas Stamford Raffles gegründeten Stadtstaat am südlichsten Zipfel der Malaiischen Halbinsel sogar auf Platz eins der Top-Ten-Reiseländer für 2015.

Trotzdem hat es Singapur eben erst in die Hitparade der besten Reisedestinationen weltweit geschafft. Seit kurzem listet der australische Verlag Lonely Planet den 1819 von Sir Thomas Stamford Raffles gegründeten Stadtstaat am südlichsten Zipfel der Malaiischen Halbinsel sogar auf Platz eins der Top-Ten-Reiseländer für 2015. Und das liege nicht nur an den Feierlichkeiten zum 50. Jahr der Unabhängigkeit, das die ehemalige britische Kronkolonie im kommenden Jahr begehen wird, sondern auch an den tollen Shopping- und Nightlifemöglichkeiten, an den touristischen Attraktionen und an den vielen spektakulären Bauprojekten der vergangenen Jahre, wie der weltweit größte Verlag für unabhängige Reise- und Sprachführer betont.

Großes Rad, hoher Pool

Zu den jüngsten Sehenswürdigkeiten zählen der Singapore Flyer, mit 165 Metern Höhe das zweithöchste Riesenrad der Welt, die aus tropischen Palmenhäusern und künstlichen Metallbäumen bestehenden Gardens by the Bay sowie das 2011 eröffnete Marina Bay Sands Hotel des US-amerikanischen Architekten Mosche Safdie. Die Aussicht von der 340 Meter langen begrünten Dachterrasse im 57. Stock sowie vom fast 150 Meter langen Infinity-Pool ist spektakulär, keine Frage. Beim abendlichen Singapore Sling im Winde der Marina Bay neigen sich mit dem picksüßen Kirschlikör die abzuarbeitenden Programmpunkte auf der Must-see-Liste aber bereits einem Ende zu.

der Singapore Flyer, mit 165 Metern Höhe das zweithöchste Riesenrad der Welt

"Singapur ist eine Gute-Laune-Stadt für wenige Tage und unter diesem Gesichtspunkt absolut sehenswert", erklärt ein europäischer Unternehmer, der seit einigen Jahren hier lebt und arbeitet. Er möchte lieber anonym bleiben, denn sein in diesem Zusammenhang abgedruckter Name in der Zeitung würde ihn wohl den Job kosten. "Aber wenn man hier nicht nur Tourist ist, sondern sich mit dem Ort längere Zeit beschäftigt, dann merkt man, wie kühl und leidenschaftslos diese Stadt geworden ist. Alles, was heute zählt, ist Geld, Konsum und Entertainment." Singapur, so sagt er, sei eine einzige Aktiengesellschaft, eine künstliche, konformistische Enklave im sonst so vielfältigen Asien.

Rollschuhe und Puls

Einer der wenigen Orte, an dem man so etwas wie Seele und Geschichte spürt, ist ausgerechnet ein Hotel und die teuerste Adresse der Stadt. Das 1896 eröffnete Raffles Singapore, das 1904 mit einer eigenen Indoor-Rollerskating-Bahn ausgestattet wurde und das drei Wirtschaftskrisen und zwei Weltkriege überstanden hat, ist so etwas wie der heimliche Puls der Stadt. Charlie Chaplin, Pablo Neruda und Hermann Hesse gingen hier ein und aus, in weiterer Folge zählten Sting, Michael Jackson, José Carreras, David Beckham, Isabella Rossellini, Karl Lagerfeld, Jacques Chirac und Queen Elizabeth II zu den bekanntesten Gästen .

foto: ap photo/wong maye-e
Die aus tropischen Palmenhäusern und künstlichen Metallbäumen bestehenden Gardens by the Bay

"Hier leben noch die Geister alter Persönlichkeiten, das spürt man, und das macht das Haus besonders", sagt Leslie Danker, während er durch die Arkaden im Erdgeschoß führt. Der Buchautor und Historiker pflegt die Ahnengalerie und arbeitet seit mehr als 42 Jahren als Supervisor im Raffles. "Das Haus lag früher direkt am Wasser. Das ist auch der Grund, warum das Hotel so ‚beachy‘ ausschaut. Es hat wirklich viele spannende Geschichten zu erzählen. Das ist eine Gabe, die man Singapur sonst nur selten nachsagen kann." Sobald man eines der im Originalzustand erhaltenen Zimmer betritt und das Licht aufdreht, will man den Lichtschalter aus Holz, Keramik und Bakelit nie wieder loslassen. Er ist eines der wenigen Dinge in der Stadt, die sich abgegriffen und alt anfühlen.

Schmelztiegel

Seine vielleicht sympathischste Seite lebt Singapur dort aus, wo es sich nicht als futuristische Hightech-Metropole mit Benimmregeln und Verboten präsentiert, sondern als geschichtsträchtiger Reigen, als asiatischer Schmelztiegel der Kulturen und Nationen, die hier auf nur 700 Quadratkilometer Fläche zusammenleben.

foto: reuters/tim chong
Einer der wenigen Orte, an dem man so etwas wie Seele und Geschichte spürt, ist ausgerechnet ein Hotel und die teuerste Adresse der Stadt. Das 1896 eröffnete Raffles Singapore, das 1904 mit einer eigenen Indoor-Rollerskating-Bahn ausgestattet wurde und das drei Wirtschaftskrisen und zwei Weltkriege überstanden hat, ist so etwas wie der heimliche Puls der Stadt.

In Little India etwa, in Kampong Glam oder in der Haji Lane darf man sich von der Strenge der vielzitierten "Singapur AG" ein wenig erholen. Ein Augenzwinkern, ein Mund- und Lippenspiel genügt, schon wird hinter der Budel der Kaugummischwarzmarkt eröffnet. Spearmint mit Thrillfaktor. Allein diese Erfahrung ist eine Reise nach Singapur wert. Davon ist im Lonely Planet nichts zu lesen. (Wojciech Czaja, Rondo, DER STANDARD, 7.11.2014)

Die Reise erfolgte auf Einladung von Swiss und Raffles Singapore.

karte: der standard

Service

Anreise & Unterkunft

Anreise: Flug von Wien nach Singapur zum Beispiel mit Swiss, Emirates, Qatar oder Ethihad;

Unterkunft: Geschichtsträchtig: das Raffles Singapore - ab 360 €. Schwimmen mit Blick auf die Skyline: Marina Bay Sands Hotel.

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