Dem antiken Kapitalverkehr auf der Spur

6. November 2014, 17:40
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Cashflow, Wechselkurse und Währungen: Bereits in der Antike existierten komplexe Finanz- und Wirtschaftssysteme

Wien - Man sprach von einem Sensationsfund. 2008 ging ein Hobbyschatzsucher mit seinem Metalldetektor über ein Feld unweit der englischen Stadt Warwick und entdeckte dabei ein weißes Tongefäß. Der Topf steckte randvoll mit Silbermünzen, insgesamt 1155 Stück. Das Geld war offensichtlich vor knapp zweitausend Jahren versteckt worden. Es handelt sich dabei um sogenannte Denarii aus dem Römischen Reich.

Eine wissenschaftliche Untersuchung zeigte, dass die jüngste dieser Münzen aus dem Jahr 63 stammte. Das älteste Stück war um 192 vor unserer Zeitrechnung geprägt worden - ein zeitlicher Unterschied von mehr als 250 Jahren. Warum tritt ein solches Sammelsurium aus unterschiedlich alten Denarii in einem einzigen Schatz auf, und wie gelangten sie in diese entlegene Ecke des ehemaligen Imperiums?

Fragestellungen wie diese fallen in den Forschungsbereich der Numismatik. Ihre Betreiber studieren Münzen, deren Geschichte, Herkunft und kulturelle Aspekte. Die Bedeutung von Münzgeld als wesentlichem Bestandteil der ökonomischen Infrastruktur hat bisher allerdings eher wenig Beachtung gefunden. Dabei existierte in der Antike bereits ein komplexes, quasi-globalisiertes Wirtschaftssystem. Handelsbeziehungen reichten über tausende Kilometer hinweg, Import und Export florierten. Ein riesiges Netzwerk. Bargeld, Währungen und Wechselkurse spielten darin zentrale Rollen.

Die Hintergründe und Errungenschaften der antiken Wirtschafts- und Finanzwelt waren vergangene Woche Thema eines internationalen Kongresses an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Wien. Dabei präsentierte der Numismatiker und Kongressorganisator Bernhard Woytek zusammen mit seinem Kollegen Kevin Butcher von der University of Warwick neue Einblicke in die Münzproduktion und -distribution während der ersten zwei Jahrhunderte nach unserer Zeitrechnung.

Die Aufrechterhaltung des römischen monetären Systems erforderte einen beträchtlichen Aufwand. Millionen von Münzen müssen produziert worden sein. Ohne Einsatz von Maschinen. "Das Römische Reich war eine vorindustrielle Gesellschaft", betont Woytek. "Das Münzprägen war Handarbeit." Dennoch: Die Römer wären nicht die Römer gewesen, wenn sie den Herstellungsprozess nicht irgendwie optimiert hätten.

Die Präger arbeiteten in Dreierteams: Die Signatores hielten den Stempel für die Rückseite der Münze (das Vorderseiten-Gegenstück war im Amboss eingelassen), die Suppostores legten die noch ungeprägte Metallscheibe, den Schrötling, in Position, und die Malliatores schlugen mit dem Hammer zu. Seltsamerweise scheint es zwischen den Angehörigen dieser drei Gruppen auch gewisse Unterschiede im sozialen Status gegeben zu haben. Den niedrigsten Rang hatten demnach die Malliatores. Sie waren meist Sklaven, ihre Kollegen dagegen oft Freigelassene.

Die Prägestempel bestanden in der Regel aus Bronze und wurden handgeschnitzt. Sie hielten erstaunlich lange, aber nach etwa 25.000 Münzen brauchte man trotzdem einen neuen, schildert Woytek. Mithilfe dieser Zahl lassen sich auch ungefähre Produktionsmengen ermitteln, denn jeder Stempel einer Serie trägt zwar dasselbe Motiv, doch aufgrund der Handfertigung zeigen sie auch winzige Unterschiede. Diese lassen sich bei genauer Betrachtung mit dem Auge erkennen.

Zeitraubendes Zählen

Wenn ein Numismatiker hochrechnen möchte, wie viele Münzen eines Typs produziert wurden, vergleicht er sämtliche verfügbare Exemplare oder Abbildungen davon, und zählt die Anzahl verschiedener Versionen. Eine mitunter sehr zeitraubende Arbeit, wie Woytek berichtet. "Hierfür gibt es noch keine technischen Hilfsmittel."

Interessanterweise gab es im römischen Imperium lange keine einheitliche Währung. Diese wurde erst Ende des dritten Jahrhunderts unter Kaiser Diokletian eingeführt. Davor war der riesige Herrschaftsbereich ein "währungstechnisch sehr heterogener Raum, ein Fleckerlteppich", sagt Woytek. Das galt vor allem im östlichen Mittelmeerraum. Diese Vielfalt, erläutert der Experte, lag in der schrittweisen Erweiterung des Reiches begründet.

Bei Eroberung neuer Gebiete erzwang Rom keine kulturelle und wirtschaftliche Gleichschaltung, sondern respektierte weitgehend die lokalen Traditionen. Das galt oft auch fürs Bargeld. Regionale Münzen wie zum Beispiel die ptolemäischen Tetradrachmen in Ägypten behielten Größe, Wert und Zusammensetzung. "Die Römer prägten sie einfach weiter."

Lokale Ausprägung

Allerdings bekam das lokale Geld häufig neue Bilder verpasst. Römische eben. In zumindest einigen Fällen scheint man Regionalwährung sogar in der Hauptstadt Rom produziert und anschließend in die Provinz verfrachtet zu haben. Die Hintergründe könnten politischer Natur gewesen sein. Vielleicht wollte die Zentralmacht Proteste vermeiden.

"Eine lokale Währung ist sehr wohl ein Identifikationsfaktor", meint Woytek. "Das darf man nicht unterschätzen." Parallelen zur heute noch immer verbreiteten Ablehnung des Euro sind unübersehbar.

Der Schatz aus der Nähe von Warwick zeigt aber auch einen ganz anderen historischen Aspekt auf. Große Altersunterschiede von Silbermünzen waren im damaligen Zeitraum nicht außergewöhnlich, sagt Woytek. Münzen behielten ihren Wert auch nach einem Machtwechsel und blieben somit in Umlauf.

Unter Kaiser Nero (54 bis 68) trat allerdings ein Wandel ein. Er ließ Denarii von geringerem Gewicht und mit einem Silbergehalt von nur noch 80 bis 90 Prozent herstellen. Kupfer wurde beigemischt. Abgesehen davon begann man, die alten Reinsilbermünzen aus dem Verkehr zu ziehen und sie einzuschmelzen.

Dieser Abwertungsprozess wurde nach Nero fortgesetzt und trat auch in den darauffolgenden Jahrhunderten noch mehrmals ein. Woytek bezeichnet dies als "Spirale der Geldverschlechterung". So wie in modernen Zeiten von manchen Regierungen gerne die Notenpresse angeworfen wird. Wie wenig sich doch geändert hat. (Kurt de Swaaf, DER STANDARD, 5.11.2014)

  • Gesichter einer hochentwickelten Finanzwelt: Links ein Sesterz von Kaiser Septimius Severus (193-211), rechts eine römische Tessera, die drei Männer bei der Prägung von Münzen zeigt. Unten eine Goldmünze mit dem Konterfei von Kaiser Traianus (98-117).
    fotos: kunsthistorisches museum wien, münzkabinett.

    Gesichter einer hochentwickelten Finanzwelt: Links ein Sesterz von Kaiser Septimius Severus (193-211), rechts eine römische Tessera, die drei Männer bei der Prägung von Münzen zeigt. Unten eine Goldmünze mit dem Konterfei von Kaiser Traianus (98-117).

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