Mit Liebesdiensten in den Krieg

4. November 2014, 17:35
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Symposium: Wie Feminismus im Ersten Weltkrieg aussah und Geschlechterklischees der Propaganda dienten

Wien - Die Frauenbewegung sei immer auch eine Friedensbewegung: Gabriele Heinisch-Hosek behielt mit ihren Begrüßungsworten zum Symposium "Heimatfront_! – Frauen, Medien und Krieg" im Parlament, das sich geschlechterspezifischen Lücken in der Erinnerungskultur widmete, nur teilweise recht. Das wurde bereits im ersten Vortrag der Historikerin Christa Hämmerle deutlich, die neben anderen Forscherinnen und Forschern aus der Geschichte und Kommunikationswissenschaft vergangenen Donnerstag über die Rollen von Frauen und Männern, die ihnen die Kriegspropaganda zuteilte, die Positionen von Frauenzeitschriften oder wie und ob Frauenvereine Widerstand leisteten, sprach.

Feministische Frauenverbände waren nicht per se pazifistisch, sondern am Kriegstreiben ebenso beteiligt wie einzelne Hausfrauen. In deren Küchen wurde schon bald nach Kriegsbeginn nach "Kriegskochbüchern" gekocht, die die nahrhafte Verpflegung für Soldaten als "Kriegsdienst" aufwerteten. Hämmerle zeigte neben diesen Beispielen auf, wie für die allgemeine Kriegsmobilisation eine Differenz der Geschlechter betont wurde: sanft, fürsorglich, liebend auf der einen Seite, todesmutig, kampfeslustig, aggressiv auf der anderen. Hämmerle: "Der Geschlechterdiskurs kam als Waffe zur Mobilisierung weit stärker zum Einsatz als in anderen Kriegen."

Ehe- und Liebesmodell an der Front

Frauen wurde ihre Pflicht gegenüber dem Vaterland über die Zuschreibung der "liebenden Frau" vermittelt. "Zur Liebesarbeit sind wir hier, Soldatenstrümpfe stricken wir" hieß es in einem "Strickstubenliedchen". Das bürgerliche Ehe- und Liebesmodell wurde an die Front übertragen, führte Hämmerle aus.

Die Militarisierung des Haushaltes ging manchen nicht weit genug: Die Schriftstellerin Helene Granitsch kritisierte, dass das Kriegsdienstleistungsgesetz wohl auf die Frauen vergessen habe, da es nur Männer bis 50 Jahren verpflichtete. Die bürgerliche Frauenbewegung, der Granitsch angehörte, machte zu Kriegsbeginn wenig pazifistische Anstalten, ebenso wenig die proletarische Frauenbewegung. Anders der radikale Flügel der Frauenbewegung, der sich auch am Internationalen Frauenfriedenskongress in Den Haag 1915 beteiligte.

Die während der Kriegsjahre erscheinenden Frauenzeitschriften, über die Kommunikationswissenschaftler Wolfgang Duchkowitsch sprach, stützten die propagierte Arbeitsteilung weitgehend, doch auch Ambivalenzen wurden deutlich. So schrieb die Frauenrechtlerin Marianne Hainisch in ihrem Nachruf auf Bertha von Suttner in "Der Bund": "Wir Frauen wollen Frieden." Der von Hainisch gegründete "Bund österreichischer Frauenvereine", deren Zeitschrift "Der Bund" war, war jedoch in Den Haag nicht dabei.

Hainisch begründete dies damit, dass es nicht wünschenswert sei, sich im Krieg von seiner Nation loszulösen – "in dieser Zeit ist Dienst am Vaterland angebracht". 1917 schrieb sie wiederum, dass Frauen dauerhaften Frieden erkämpfen müssten, denn ein "Kriegsende durch Waffen ist Vorbereitung für einen neuen Krieg".

Elisabeth Klaus, Professorin an der Universität Salzburg, sprach über die erste akkreditierte Kriegsreporterin Alice Schalek. Klaus zeigte in ihrem Porträt von Schalek, dass mit einem Pionierinnenstatus nicht automatisch kritische Reflexion einhergeht.

Krieg als romantische Kulisse

Schalek brach zwar aus dem Stereotyp der trauernden oder pflegenden Frau aus, wie es noch heute in vielen Kriegsdenkmälern verewigt ist, trug aber zu einem komplexeren Bild des Lebens von Frauen während des Krieges wenig bei. Frauen kamen in ihren Reportagen kaum vor. In ihren Fotos sparte sie das Grauen an der Front aus, sie romantisierte den Krieg und inszenierte ihn durch eindrucksvolle Landschaftsaufnahmen als touristisches Abenteuer.

Karl Kraus kritisierte Schalek scharf und warf ihr Kriegsverherrlichung vor - eine Kritik, die Klaus nicht nur seiner pazifistischen Gesinnung zuschreibt. Neben ihrer Berichterstattung verurteilte er in der legendären "Fackel" ihre journalistische Arbeit auch aufgrund des Faktors Geschlecht: "Eine Frau an der Kriegsfront ist eine Entartung." (beaha, DER STANDARD, 5.11.2014)

  • Die Journalistin Alice Schalek wurde als erste Frau in den Wiener Presseclub Concordia aufgenommen. Ihre Fotoreportagen setzten den Krieg vor romantischen Landschaften in Szene.
    foto: heeresgeschichtliches museum

    Die Journalistin Alice Schalek wurde als erste Frau in den Wiener Presseclub Concordia aufgenommen. Ihre Fotoreportagen setzten den Krieg vor romantischen Landschaften in Szene.

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