Robert Moser, Nachtzug-Steward: "Ein offenes Ohr statt Schlaftabletten"

    7. November 2014, 05:30
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    Das Flair einer Nacht im Zug

    Ich hatte zuerst einen Job als kaufmännischer Angestellter, der wurde mir aber zu langweilig. Dann war ich Lkw-Fahrer, das war auch nicht meines. Seit vier Jahren bin ich nun Steward in einem Nachtzug. Das ist ein Job, der mir gefällt. Im Prinzip bin ich ein fahrender Concierge, der Zug ist das Hotel. So jemanden wie mich gibt es für jeden Wagon, wobei ich mit dem Zugführer der Boss bin. Ich fahre nur Nachts, und zwar unter anderem nach Rom, Hamburg, Köln oder Zürich. Köln ist mir die liebste Destination. Die Fahrt nach Rom ist die längste, wir fahren um 19.30 Uhr in Wien ab und kommen um 9.22 Uhr in Rom an.

    Wenn der Zug abfährt, begrüße ich als Erstes die Gäste, erkläre ihnen das Abteil, frage sie nach Frühstückswünschen und der Weckzeit. Sobald der Reisende es wünscht, richte ich ihm das Bett her. Diesbezüglich bin ich sehr gewissenhaft, ich streiche das Leintuch genauso glatt wie für Gäste, die ich bei mir zu Hause unterbringen würde. Mehrmals pro Stunde drehe ich meine Runde und schau, ob alles in Ordnung ist. Meiner Aufmerksamkeit bedarf es natürlich auch bei Zwischenstopps in den Bahnhöfen an der Strecke, das nennt man "Fahrgastwechsel beobachten". Ansonsten verbringe ich einiges an Zeit in meinem Dienstabteil, dort wird Administratives erledigt, manchmal gelesen, nein, nicht Mord im Orientexpress. Und dann gibt es natürlich immer wieder Wünsche seitens der Fahrgäste. Meistens geht es um zusätzliche Polster, mehr Decken werden selten verlangt. Es wird auch immer wieder getratscht, zum Beispiel wenn ein Gast nicht schlafen kann. Die meisten Reisenden schlafen sehr gut im Zug, ich denke, das hat mit der Bewegung zu tun. Es verhält sich ein bisschen wie bei kleinen Kindern, die man ins Auto setzt und mit ihnen losfährt.

    Herz ausschütten

    Schlaftabletten gibt's bei mir keine, nur ein offenes Ohr oder auf Wunsch eine Schlafbrille. Ohropax sind in unserem Willkommen-Package enthalten. Manchmal schüttet mir ein munterer Gast zum Zeitvertreib sein ganzes Herz aus. Apropos Herz: Es kommt vor, dass ein Paar gemeinsam in den Urlaub fährt und auf der Rückfahrt in getrennten Abteilen wiederzufinden ist. Es kann aber auch passieren, dass jemand schon vor seinem eigentlichen Ziel aussteigt, und zwar nicht alleine.

    Einmal sah ich ein älteres Pärchen händchenhaltend im Schlafwagen sitzen, sie erzählten mir, sie würden in Rom ihren 50. Hochzeitstag feiern, eine Reise, die sie bereits seit 50 Jahren unternehmen wollten. Wir fanden das derart rührend, dass wir vom Zug aus einen Blumenstrauß organisierten, der an den Bahnhof von Venedig gebracht wurde und den wir dann mit dem ganzen Team überreichten. Die Dame hat uns alle mit Tränen in den Augen umarmt. Am nächsten Morgen sind sie händchenhaltend über den Bahnsteig in Rom davongeschlendert.

    Mein Job ist es, für die Sicherheit und die Ruhe der Gäste zu sorgen. Ab 22 Uhr gilt übrigens Nachtruhe. Klar gibt's auch Ungustln, die sich daran nicht halten und mit einer Palette Bier einsteigen. In der Regel lassen sich aber eventuelle Konflikte vernünftig lösen. Dass wir die Polizei in einen Bahnhof bestellen müssen, kommt eigentlich nie vor, auch medizinische Notfälle sind Gott sei Dank eine Seltenheit.

    Eingeschlafen bin ich im Dienst auch noch nie. Ich hab eigentlich nicht mit Müdigkeit zu kämpfen, es gibt immer was zu tun, und die Nacht vergeht schnell, ich sag jetzt aber nicht "wie im Flug". Ich bin auch schon privat mit meiner Gattin mit dem Nachtzug verreist, da gibt es immer wieder schöne Aktionen. Das Bett hab ich mir selber gemacht, und schlafen konnte ich auch, ohne an die Arbeit und die Kollegen draußen auf dem Gang zu denken.

    Ich empfinde das Unterwegssein als Abenteuer, die Nacht im Zug verfügt über ein ganz eigenes Flair, und es ist immer noch aufregend, aus dem Fenster zu schauen, wenn die Sonne bei Venedig aufgeht. Aber ich freu mich auch schon am Wendebahnhof wieder aufs Heimkommen. In Summe bin ich ungefähr einen halben Monat unterwegs, den besten Schlaf finde ich, wenn ich nach einer Tour nach Hause komme. Da muss ich das Bett zu Hause nur anschauen und schlafe schon ein. Wir haben übrigens vor nicht langer Zeit ein neues Bett gekauft, ein Boxspringbett, eine sehr feine Sache, in dem die erste Nacht nach dem Heimkommen definitiv die beste ist. (Michael Hausenblas, Rondo, DER STANDARD, 7.11.2014)

    Robert Moser ist Steward bei Newrest Wagons-Lits, die im Auftrag der ÖBB in täglich bis zu zehn Nachtzügen die Kundenbetreuung und das Service durchführen. Newrest ist ein weltweit agierender Konzern, der Dienstleistungen im Bereich Inflight Catering, Gastronomie sowie Bahnverkehr anbietet.

    • Nachtzug-Steward Robert Moser bei der Arbeit, kurz vor der Abfahrt des Nachtzugs von Wien nach Rom.
      foto: nathan murrell

      Nachtzug-Steward Robert Moser bei der Arbeit, kurz vor der Abfahrt des Nachtzugs von Wien nach Rom.

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