Bankier Heinrich Treichl verstorben 

4. November 2014, 17:46
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Am 2. November ist der letzte Bankier Österreichs im 102. Lebensjahr in Wien gestorben

Wien - Ein Großbürger war er, ein Alt-Österreicher. Als Grandseigneur aller heimischen Banker galt er, ein interessanter, weltgewandter Gesprächspartner war er selbst im hohen Alter: Heinrich Treichl.

Berühmt wurde Treichl, am 31. Juli 1913 in Wien geboren, als Generaldirektor der staatlichen Creditanstalt (CA). Hätte der Sohn eines Bankiers und der geborenen Baronesse Marie von Ferstel, in deren Salon Zelebritäten wie Josef Schumpeter, Ludwig von Mises, Ignaz Seipel, Julius von Wagner-Jauregg, die Industriellenfamilien Schoeller oder Reininghaus zu Gast waren, nicht das Aristokratische, das Vornehme so gepflegt, könnte man auch sagen: berühmt-berüchtigt. Denn die CA führte er mit großer Autorität und sehr strenger Hand, von 1970 bis 1981.

Eingetreten in die von Rothschilds gegründete und 1946 verstaatlichte Bank, deren Mühlsteine Industriebetriebe wie Steyr Daimler Puch oder Semperit werden sollten, war Treichl 1958.

Gepflegte Auseinandersetzungen

Im Krieg war er in Paris desertiert, in amerikanische Gefangenschaft geraten, studiert hatte er Jus. Dabei hätte sein Herz doch für die Architektur geschlagen - dafür aber hatte ihn sein Vater, hatte er sich selbst letztlich nicht für begabt gehalten. Das "feu sacré", die Leidenschaft für den Architekturberuf, habe gefehlt, erzählte Treichl später. Das "feu sacré" fürs Bankgeschäft, das sollte ihn dagegen sein Leben lang begleiten.

In seinen Memoiren (die er, typisch Treichl, mit 90 Jahren veröffentlichte) bezeichnete sich der Vater von Erste-Group-Chef Andreas und Investmentbanker Michael Treichl als "Liberalen im klassischen, angelsächsischen Sinn". Seine Regentschaft in der CA entbehrte nicht der wohlgepflegten Auseinandersetzungen. Der mit seiner Meinung nie hinterm Berg haltende Manager, der Kleidervorschriften fürs Kreditinstitut in der Wiener Schottengasse erließ und Banker-Mode machte (blaue und rosa Hemden mit weißen Krägen), führte ein schwarzes Geldhaus in tiefroter Zeit. Und wurde nicht müde, seine Konflikte mit dem sozialdemokratischen Kanzler Bruno Kreisky und dessen politischem Ziehsohn, Finanzminister Hannes Androsch, auszufechten.

Nachfolger Hannes Androsch

Ihn hieß er einen "Parvenu" (Treichl erzählte später, er habe sich viel gröber ausgedrückt), mit Kreisky söhnte er sich erst kurz vor dessen Tod aus. Im Beisein und wohl veranlasst von seiner Frau Helga, der aus der Verlegerfamilie Ullstein stammenden Übersetzerin, die das große, warme Herz der Treichl-Familie war.

Den Sozialismus hielt der leidenschaftliche Jäger zwar "für eine Bedrohung der Freiheit", in Aufsichtsratssitzungen sprach er ganz gern Französisch (denn das verstanden dort nicht alle) - und dennoch öffnete er die elitäre, die Industrie finanzierende CA dem breiten Volk: den Privatkunden.

1981 machte der "Meister von Geist und Sprache" (Ex-Erste-Chef Hans Haumer) Platz für seinen Nachfolger: den in politische Ungnade gefallenen Hannes Androsch. Treichls Rekrutierungskriterien hätte der nicht genügt: "Ich habe, vor allem für die Auslandsbeziehungen, junge Leute mit gewissen angeborenen und anerzogenen Verhaltensweisen gesucht, die man häufig in den von Kaiser Franz Joseph geadelten Beamten-, Offiziers- und Industriefamilien antrifft."

Das weitere Schicksal der CA, die ausgerechnet von der roten Bank Austria aufgeschnupft und letztlich nach Italien versilbert wurde, beobachtete der fünffache Großvater als Generaldirektor im Ruhestand. Oft mit hochgezogenen Brauen, nicht selten begleitet von sarkastischen Kommentaren. Manchmal auch kopfstehend: Bis ins hohe Alter betrieb Treichl Yoga, sei doch Fitness "das Wichtigste für einen Bankmanager".

"Krise selbstgemacht"

Die jüngste Krise der Finanzwirtschaft hielt Treichl, der einen Hang zum Koketten nicht verbergen konnte ("Bei der CA war ich weitgehend unterbezahlt"), für "selbstgemacht". Das Bankgeschäft sei eine Modebranche, meinte er 2008: "Die Dummheiten Einzelner werden weitestgehend von den anderen Banken imitiert."

Am 2. November ist Österreichs letzter Bankier in Wien gestorben. (Renate Graber, DER STANDARD, 5.11.2014)

  • Heinrich Treichl.
    foto: standard/hendrich

    Heinrich Treichl.

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