Mauerfall ohne Schminke

Kolumne3. November 2014, 18:33
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Noch vor dem Fall der Mauer hatten fast alle Politiker in der Bundesrepublik die baldige Einheit für eine Illusion gehalten

Dieser Tage beschäftigen sich nicht nur die deutschen Zeitungen, sondern fast die gesamte Weltpresse mit dem Mauerfall in Berlin am 9. November 1989. Wir wissen heute aus den Memoiren und Studien, dass alle Akteure - von Gorbatschow bis Kohl, von Bush bis Thatcher und Mitterrand - von der Dynamik der Geschichte buchstäblich überrollt worden sind.

Wer hätte vorauszusagen gewagt, dass der am 2. Mai 1989 begonnene Abbau des Stacheldrahtverhaus an der ungarisch-österreichischen Grenze und dann am 10. September die Öffnung der ungarischen Grenze für alle DDR-Bürger so schnell zur deutschen Einheit und zum Zusammenbruch des Ostblocks führen würden?

Noch vor dem Fall der Mauer hatten fast alle Politiker in der Bundesrepublik die baldige Einheit für eine Illusion gehalten. Gerade wegen des in den letzten Jahren so ramponierten Prestiges Ungarns soll man an die Worte Helmut Kohls in seiner denkwürdigen Rede in Budapest (18. 12. 1989) erinnern: "Ungarn hat damals den ersten Stein aus der Mauer geschlagen." Angesichts der Umschreibung der Geschichte durch das national-populistische Orbán-Regime ist es auch nicht überflüssig festzustellen, dass die ungarischen Weichensteller bei der epochalen Wende im Schlepptau Michail Gorbatschows die Reformkommunisten waren: Premier Miklós Németh, Außenminister Gyula Horn und der langjährige Bonner Botschafter, István Horváth.

Wir Beobachter und Berichterstatter waren genauso Zaungäste der Umbruchsituation wie die scheinbar agierenden, in Wirklichkeit freilich reagierenden Politiker und Diplomaten. Die Frage, warum die Geschichte so und nicht anders verlaufen ist, obwohl es in den diversen Situationen des Jahres 1989 mehrere Handlungsalternativen gab, wird Historiker vermutlich so lange beschäftigen wie die Beurteilung der Französischen Revolution.

In den kürzlich als "Vermächtnis" gegen den Willen des gesundheitlich angeschlagenen Politikers veröffentlichten Protokollen spricht der damalige Kanzler Kohl ganz anders als in den öffentlichen Reden: "Wenn Gorbatschow mit Panzern am Checkpoint Charlie herumgefahren wäre, hätten die Hardliner in Ostberlin die Mauer wieder zugemacht. Niemand auf dieser Erde hätte gesagt, wegen diesen Arschlöchern in Deutschland riskieren wir eine kriegerische Auseinandersetzung." Die Wende in der DDR sei Folge der Schwäche Moskaus und nicht der Bürgerbewegung gewesen. "Gorbatschow ging über die Bücher und musste erkennen, dass er am Arsch des Propheten war und das Regime nicht halten konnte."

Dass am 10. November 1989 nicht der von einem Staatsbesuch aus Warschau nach Berlin gereiste Kohl, sondern Willy Brandt "für den Pöbel die Heiligenfigur war", löste noch Jahre später Kohls "neidischen Groll" aus. Heute wissen wir übrigens aus der Brandt-Biografie Brigitte Seebachers, dass ihr Mann den Mauerfall verschlafen hat und erst zwischen vier und fünf Uhr morgens durch den Anruf eines Reporters informiert wurde. Mit einem kleinen zweimotorigen britischen Militärflugzeug konnte Brandt schnell nach Berlin fliegen. Dort sagte er dann den zum geflügelten Wort gewordenen Ausspruch: "Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört." (Paul Lendvai, DER STANDARD, 4.11.2014)

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