Knifflige Provenienzen von Schiele-Blättern

3. November 2014, 18:09
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In der aktuellen Provenienz-Diskussion spielt Grünbaums Schwägerin Mathilde Lukacs eine Schlüsselrolle. Ebenso Dokumente, deren Echtheit zwar bezweifelt wird, die den Erben aber zeitgleich zur Auffindung verschwundener Kunstwerke dienen

Wien - Die Sammlung Fritz Grünbaum sei "einer der schwierigsten Fälle in der Provenienzforschung", da keine lückenlose Eigentümerkette zu erforschen sei, reagierte die Israelitische Kultusgemeinde Wien (IKG) in einer Aussendung auf die jüngste Kritik des Leopold Museums. Hintergrund ist ein bei Christie's am Mittwoch (5. 11.) zur Auktion kommendes Aquarell (Stadt am blauen Fluss, 1910), bei dem die Katalogangaben bisherige Forschung sowie darauf basierende Gerichtsurteile (2011) und Kommissionsbeschlüsse (2010), ignorieren.

Wie berichtet (Geschäfte mit Raubkunst, die keine ist, 3. 11.) werden demnach alle Kunstwerke, die sich je in der Sammlung Grünbaum befanden zu "Raubkunst" degradiert, wovon zahlreiche internationale Institutionen betroffen sind. Neben dem Leopold Museum etwa auch die Albertina. Auf Standard-Anfrage will deren Direktor Klaus Albrecht Schröder die Causa nicht kommentieren, da zwei dieser Provenienz zuordenbaren Schiele-Blätter derzeit noch Gegenstand eines Prüfverfahrens sind.

Dem bevorstehenden Verkauf bei Christie's ging ein vom Auktionshaus vermittelter Vergleich zwischen den Besitzern (Gerstl Estate) und den Grünbaum-Erben voraus. Der Erlös des auf bis zu 1,2 Millionen Dollar taxierten Aquarells wird laut IKG geteilt; diese Vorgangsweise entspreche der Suche nach gerechten und fairen Lösungen im Sinne des Washingtoner Abkommens. Das Auktionshaus habe somit "das einzig Richtige getan".

Bezüglich der von Christie's bewusst nicht in der Provenienzkette angeführten Mathilde Lukacs, verweist die IKG darauf, dass diese "nicht berechtigt war, über Gegenstände aus dem Nachlass" ihres Schwagers Fritz Grünbaum zu verfügen. Diese Erbfrage ändert allerdings nichts an dem Faktum, dass Lukacs als Familienmitglied offenbar Zugriff auf die Sammlung hatte und diese nach dem Krieg in wesentlichen Teilen an Klipstein & Kornfeld (Bern) verkaufte. Zu diesem Schluss kamen mehrere Provenienzforscher, auf Basis entsprechender Dokumente, die sich im Kornfeld-Archiv erhalten haben:

Neben Auktions- und Ausstellungskatalogen etwa auch Lagerlisten. Weiters Korrespondenz zwischen Kornfeld und Lukacs, an deren Echtheit laut Christie’s Zweifel bestünden. Man verweist auf ein Gutachten, das von Ray Dowd (Anwalt der Grünbaum-Erben) in Auftrag gegeben wurde. Dieses liegt dem Standard vor: Gegenstand waren Kopien von vier Lukacs-Unterschriften (von 1917 und 1971) sowie Briefe an Kornfeld (1952-1956). Das Fazit des Sachverständigen war deutlich: Für die Frage der Authentizität bedarf es einerseits der originalen Dokumente und andererseits „umfangreicher schrift- und zeitadäquater Vergleichsschriftmaterialien“.

Laut „Lost Art“: Raubkunst

Die Krux: Für Ray Dowd und seine Mandanten sind sowohl die Korrespondenz als auch andere Dokumente aus dem Kornfeld-Archiv wichtige Quellen, um die einst umfangreiche Kunstsammlung zu rekonstruieren. Und um entsprechende Ansprüche auf die weltweit verstreuten Kunstwerke ihrer Familie zu deponieren.

Etwa über „Lost Art“ (Koordinierungsstelle Magdeburg): In dieser Datenbank finden sich unter den Schlagworten „Grünbaum Lukacs“ 16 Suchmeldungen, darunter zwei Arbeiten Egon Schieles, die einst ebenfalls bei Christie’s angeboten wurden: 2006 etwa Stehendes Mädchen in weißem Unterkleid (1911), das bis zu 4,5 Millionen Dollar einspielen sollte, jedoch unverkauft blieb. Als Beleg für den Raubkunst-Verdacht verweist der „Lost Art“-Eintrag auf einen „angeblichen Schriftverkehr zwischen Lukacs und Kornfeld“. Damit konfrontiert betont Christie’s aktuell, dass es für dieses Werk bis heute definitiv keinen Hinweis auf eine Grünbaum-Provenienz gebe.

Im zweiten Fall, einer doppelseitigen Zeichnung (Mädchenakte, 1913) hatte Christie’s im Katalog sogar „Lukacs Collection“ vermerkt. Im April 2002 wurde es für rund 44.000 Dollar versteigert. Ob man den Käufer zwischenzeitlich kontaktiert und ihn über die neuen Zweifel an der Lukacs-Provenienz und einen möglichen Raubkunstverdacht informiert hat? Nein, es seien keine Forderungen an das Auktionshaus herangetragen worden, jedoch würde man angesichts der nun verfügbaren Informationen im Fall der Fälle gerne vermitteln. (Olga Kronsteiner, DER STANDARD, 4.11.2014)

  • Egon Schieles "Stehendes Mädchen in weißem Unterkleid" (1911) wurde 2006 bei Christie's angeboten, laut "Lost Art"-Datenbank wird das Aquarell der Sammlung Grünbaum zugeschrieben.
    foto: repro / christie's-katalog

    Egon Schieles "Stehendes Mädchen in weißem Unterkleid" (1911) wurde 2006 bei Christie's angeboten, laut "Lost Art"-Datenbank wird das Aquarell der Sammlung Grünbaum zugeschrieben.

  • Egon Schieles "Sitzender Mädchenakt mit offener Bluse"  von 1913 (auf der Rückseite ist ein weiterer Akt zu sehen) ist laut "Lost Art" ebenfalls aus der Sammlung Grünbaum.
    foto: christie's

    Egon Schieles "Sitzender Mädchenakt mit offener Bluse" von 1913 (auf der Rückseite ist ein weiterer Akt zu sehen) ist laut "Lost Art" ebenfalls aus der Sammlung Grünbaum.

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